Dann begab sie sich auf den schweren Weg.
Auf dem Markt verkündete der Ausrufer eine weitere Besserung des Schwerkranken in Siebeneichen. Sonnhild vernahm es, und ihre Lippen sprachen ein stummes Dankgebet. Wer der Schmerzgeprüften begegnete, sah voll Mitleid auf sie. Und sie fühlte, wie alle ihren Vater lieb hatten.
Achtzehntes Kapitel
Die beiden roten Rosen
Der Torhüter des Lommatzscher Tores war ein hochbetagter Jude und hieß Rebbe Liebmann. Obgleich die Juden nicht geachtet waren, erfreute sich der alte Liebmann eines guten Rufs. In ernster Zeit, als die Pest, die grausige Würgerin, wieder einmal durch die deutschen Lande fegte, hatte er sein schweres Amt übernommen. Mit sprichwörtlicher Zuverlässigkeit hütete er das Stadttor, und die ehrwürdige Erscheinung des Alten wurde im Laufe der vielen Jahre zu einem Wahrzeichen der alten Markgrafenstadt. Nicht nur das herangewachsene Geschlecht Meißens kannte und schätzte ihn, sondern auch alle Fuhrleute weit und breit. Vielen hohen und niederen Reisenden war er bekannt und einer großen Anzahl der Vaganten und Handwerksburschen, die das liebe deutsche Vaterland unausgesetzt nach allen Richtungen hin durchzogen.
Denn unter diesen Herumstreichern wurde der nicht als zunftmäßig angesehen, der nicht wenigstens einmal die spitzen Domtürme und die verwitterten Mauern des hochragenden Schlosses von Alt-Meißen gesehen hatte. Gerade diese Stadt galt vor vielen andern deutschen Städten als ein beliebtes Ziel der Wanderfahrten.
Am Bodensee und am Niederrhein, in den Marschen und im Bereiche des flatternden schwarz-goldenen Kreuzbanners vom Deutschen Ritterorden sprach man daher von dem eisgrauen Torhüter Meißens. Und alle fahrenden Burschen, die wieder einmal, von Leipzig kommend, durch das Lommatzscher Tor in die Stadt einzogen, begrüßten ihn mit freudigem Zuruf. So vieles sich im Laufe der Jahre auch veränderte – die Burg, der Dom und der alte Rebbe in Meißen blieben.