Sein Weib war ihm gestorben. Dafür besorgte die Tochter den Haushalt der Familie, die ein Enkelkind vermehrt hatte. Und als Liebmann – fast hundertjährig und noch immer rüstig – erblindet war, gab man ihm einen Gesellen zur Hand. Der Alte durfte seine Wohnung im Torwärterhaus behalten, und die Stadt gewährte ihm den Unterhalt bis ans Lebensende.

Mit beklommenem Herzen trat Sonnhild in das Haus des alten Torhüters, wo ihr Mirjams Mutter entgegenkam.

»Ihre Kammer ist die erste im Oberstock,« sagte sie und führte Sonnhild zu der dunkeln Holzstiege. Die ausgetretenen Stufen knarrten, als des Mädchens leiser Tritt sie berührte.

Sonnhild öffnete die nächste Tür und trat ein. In der kleinen Kammer stand am Fenster ein Bett, in dem die Kranke lag. Erschreckt blieb Sonnhild stehen und betrachtete die Züge des Mädchens, die sich so verändert hatten, daß sie fast nicht mehr zu erkennen waren. Das Gesicht war wachsbleich, und die roten Flecken auf den eingefallenen Wangen zeugten für die Fieberhitze, die in diesem welken Leib raste.

Sonnhild bemerkte, wie die in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen des Mädchens mit einem todesbangen Ausdruck sie ansahen. Da senkte sich auf das Bürgerkind tiefes Mitleid herab. Die Unglückliche! Wie hart hatte sie das Schicksal von Geburt an behandelt! Hier mußte sie versuchen, eine große Schuld zu mildern!

Sonnhild trat heran und legte ihre Hand auf die abgezehrte, fieberheiße der Kranken, deren Blicke noch immer mit herzzerreißendem Flehen auf ihr ruhten.

»Schwester, – liebe Schwester,« sagte Sonnhild leise.

Da erbebte der Körper des Mädchens unter heftigen Zuckungen. Überwältigt schloß sie die Augen, und Tränen rannen über ihre Wangen. Sonnhild setzte sich auf den Bettrand, zog aus dem an ihrer Seite hängenden Täschchen ein Spitzentuch und trocknete Mirjams Tränen. Bei dieser Berührung öffnete diese die Augen wieder, und ein unbeschreiblicher Dankesblick strahlte zu der Wohltäterin auf.

Dann verharrten die Mädchen lange Zeit ganz still. Nur die großen, blauen Augen beider hielten stumme Zwiesprache.

»Kann ich etwas für dich tun?« fragte Sonnhild, sich tief zu Mirjam hinabbeugend.