»Liebe Schwester!«

»Du Gute,« flüsterte die Kranke und schloß die müden Augen.

Sonnhild wartete noch so lange, bis die gleichmäßigen Atemzüge verkündeten, daß Mirjam schlief. Dann verließ sie leise die Kammer.

Wie die letztvergangenen Nächte, verbrachte Sonnhild auch diese Nacht ohne Schlaf. Mechanisch kleidete sie sich am andern Morgen an und nahm auf das dringende Bitten der bekümmerten Haushälterin einige Bissen Nahrung zu sich. Dann setzte sie sich ans Fenster und wartete geduldig, bis auf dem Markt das Klingelzeichen ertönte. Sie lehnte sich hinaus und hörte wie im Traum die weiterschreitende Besserung des kranken Amtmanns verkünden.

Auf dem Lustgänglein befand sich Sonnhilds kleiner Blumengarten. Hier schnitt sie von einem hohen Stock zwei dunkelrote Rosen ab, die über Nacht aufgebrochen waren, sie der Kranken zu bringen.

Als sie in Mirjams Kammer trat, schlief diese. Sonnhild näherte sich leise und ließ sich wie gestern auf dem Bett nieder. Der Gesichtsausdruck Mirjams erschien ihr heute weniger leidend. Aber die verfallenen Züge führten eine eindringliche Sprache und riefen Sonnhilds ganzes Erbarmen wach.

Da zuckte es einige Male in dem Gesicht der Schlafenden, und dann schlug sie die Augen auf.

»Guten Morgen, liebe Mirjam,« sagte Sonnhild und legte die Rosen auf die Bettdecke.

Über das Gesicht Mirjams lief ein glückliches Lächeln, und eine schwache Röte verfärbte ihr Stirn und Schläfen. Das Gefühl der höchsten Freude erstickte ihre Worte. Endlich stammelte sie: