Zwanzigstes Kapitel
Das Schönste, was ihr der Spielmann gesungen

Nachdem Sonnhild die schwerleidende Mirjam verlassen, hatte diese lange Zeit still gelegen, die weitgeöffneten Augen nach der Decke gerichtet. Ihr Atem ging immer schwächer. Aber der sonnige Glanz, der über das ergebungsvolle Gesicht gebreitet war, hatte sich nicht vermindert.

Da schlugen mit einem Male schmeichelnde Töne an ihr Ohr. Mit Anstrengung richtete sie sich auf und sah zwischen den Blumentöpfen auf dem Fensterstock hinab. Drunten lehnte am Zaun ein junger Spielmann und strich die Geige. Und als er sie bemerkte, sang er mit weicher Stimme:

»Das Menschenherz ist eng und klein,
Und wohnt ein großes Glück darein,
Dann klingt's.
Ist aber heimlich über Nacht
Ein schwerer Kummer drin erwacht,
Dann springt's.«

Mirjam lehnte sich gegen das Fenster, dessen einer Flügel geöffnet war, und preßte die Stirn an die Scheibe, damit ihr kein Wort entgehe. Als der Sänger geendet, wurde sie traurig, denn sein Lied war ihr zu Herzen gegangen.

Freilich paßte der Schluß dieser schwermütigen Weise nicht auf sie; in ihrer Brust frohlockte es.