»Wie geht's deinem Sohn, dem Heinrich?« fragte er mit müder Stimme, um den Alten abzulenken.
»Von ihm wollte ich eben sprechen,« antwortete Edelbeck. »Wieviel Gutes habt Ihr an dem getan! Herr Burgemeister, wenn Ihr wüßtet, wie der Junge an Euch hängt, wohl ebenso, wie an seinem leiblichen Vater.«
»Laß es gut sein,« versetzte Waltklinger, »'s war nicht der Mühe wert.«
»Wie, ich sollte das gering anschlagen? Es war ein schlimmer Abend,« nickte der Alte. »Der wilde Junge, der aber doch zu lenken war wie ein Kind, hatte im Jähzorn einen Mitspieler mit dem Messer gestochen. Ihr kanntet meinen Heinrich, war er doch Euer Lehrbursche und Geselle, und Ihr hattet ihn wahrhaft lieb. Ein braves Kind, dein Heinrich, sagtet Ihr manchmal zu mir. Da kam das Unglück. – Ich rang vor Euch die Hände: helft, helft, daß mein Heinrich vor Schande bewahrt bleibe! Meine Verzweiflung rührte Euch. Ihr versaht den Jungen mit einem guten Stück Geld und ließt ihn bei Nacht und Nebel heimlich entweichen. Den Schwergetroffenen, der sich nur langsam erholte, suchtet Ihr auf, gabt ihm Schweige- und Schmerzensgeld und nahmt Euch seiner Familie an. Noch heute empfängt sie ja Eure Wohltaten.«
Waltklinger sah nachdenkend nieder.
»Nun ist der Junge im Hessischen,« erzählte der alte Edelbeck weiter, »und es geht ihm gut. Und seine Frau, die sich fast zu Tode ängstigte, als ihm der Prozeß gemacht werden sollte, ist mit den Kindern wohlbehalten bei ihm angekommen. Er schreibt, daß sein neuer Meister mit ihm recht zufrieden sei. Als dieser hörte, daß er das Handwerk bei Euch gelernt habe, hat er den Jungen eingestellt. Denn Euer Name war ihm bekannt. Wenn Ihr den Heinrich damals nicht vor dem Schlimmen bewahrt hättet, wie anders wär' es gekommen! Seine brave Frau und die lieben Kinder hätte der furchtbare Schlag schwer getroffen.«
Den Alten übermannte die Rührung, daß ihm die Sprache versagte. Er schwieg eine Weile und fuhr mit der Hand über die feuchten Augen. Dann begann er wieder:
»Und wie meinem Heinrich das Unglück damals zugestoßen, ebenso seid auch Ihr hineingeraten: das heiße Blut hat Euch hingerissen. Wie manchem prächtigen Menschen hat der Jähzorn nicht schon schwere Stunden gebracht!«
Der alte Wärter brach hier kurz ab, wandte den Kopf nach der Tür und lauschte angestrengt. Von dem lärmenden Volkshaufen war nichts zu hören. Nur der verworrene Klang einzelner Worte drang in die Zelle, die von den wachehabenden Burgknechten kamen.