Da trat Edelbeck nahe an den Sitzenden heran und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Herr Burgemeister, seitdem Ihr in der Fronfeste sitzt, ist der Schlaf meinen alten Augen ferngeblieben, und ich habe meinen Kopf zerquält um Euretwillen. Nun weiß ich, was ich tun muß. Euch ist bekannt, daß der Turm zwei Ausgänge hat: den gewöhnlichen, den die Knechte bewachen, und den nie benutzten, der aus meiner Wärterstube unmittelbar ins Freie führt. Die drei größten Schlüssel an diesem Bund öffnen die eiserne Tür.«

Georg Waltklinger horchte auf.

»Es wäre jammerschade, wenn ein so geachteter und verdienter Mann, wie Ihr seid, dieselbe erniedrigende Strafe erleiden sollte, wie der gemeine Verbrecher. Und ich müßte mich noch in der Sterbestunde einen schlechten Kerl nennen, wenn ich Euch heute den Dienst nicht vergelten wollte, den Ihr meinem Heinrich getan habt. Also geht auf und davon, Burgemeister! Freilich – – – na, wie soll ich's sagen, – Ihr wißt ja, ich hab's zugeschworen, meine Gefangenen treu zu bewachen. Auf meinem weißen Haar haftet kein Stäubchen Unehre, und ich darf vor den Menschen nicht meineidig werden. Wie ich freilich mit dem droben fertig werden soll, – na, kümmert Euch nicht viel darum, das wird mir schon gelingen! Ich tu's ja für meinen Heinrich und die herzigen Kinderchen – – – Ihr könnt noch unendlich viel Gutes tun, um mich alten Mann ist es nicht schade! – Die Tür ist unverschlossen, die Treppe bis zu meiner Stube frei – – nehmt den spitzen Stahl, der mir an der Seite hängt, Burgemeister – und – – stoßt zu – – –«

Waltklinger war den hastigen Worten des Alten mit höchster Spannung gefolgt. Jetzt stand er erschüttert auf, umarmte den Wärter und sagte:

»Edelbeck, was du da sprichst, verrät dein gutes Herz. Wie soll ich dir's danken! Du bist ein Held! Deshalb ist der Preis zu hoch, mit dem ich mir die Freiheit erkaufen sollte. Ich will in den Augen unseres lieben Herrgotts zwar gern weniger gelten als du, aber ich möchte vor ihm nicht als Wicht dastehen. Und das wäre ich, wenn ich dein Angebot annähme. Du hältst viel auf mich, Alter, – das freut mich! Aber gerade darum, weil ein solcher Ehrenmann, wie du mich schätzt, muß ich über meinen Ruf streng wachen. Sonst sagen die Leute: an dem Waltklinger ist doch nichts gewesen!«

Dem Alten war bei diesen Worten der Kopf auf die Brust gesunken. Nun wandte er sich langsam um, nahm das klirrende Schlüsselbund auf und verließ, ohne noch ein Wort zu sprechen, die Zelle. Georg Waltklinger sah eine Weile in das matte Licht der auf dem Boden stehenden Laterne. Dann setzte er sich, stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken.

Da hörte er, wie der alte Edelbeck wieder eintrat.

»Herr Burgemeister,« sagte dieser, »ein Weib hat an meine Tür geklopft und so dringend gebeten, zu Euch gelassen zu werden, daß ich ihr's nicht abschlagen mochte.«

Waltklinger sah sich um.