Die Frau betrachtete den Erschütterten lange. Dann ging sie zu ihm hin. Zögernd legte sie ihre Hand auf seine Schulter.
»Georg,« sagte sie in weichem Tone, »ich glaubte immer, du hättest sie aus deinem Herzen gestoßen. Jetzt weiß ich's, wie lieb du sie behalten hast.«
Waltklinger wandte sich zu ihr.
»Deine Botschaft ist tieftraurig, Lea, hab' aber Dank, daß du gekommen bist. Willst du mir nicht etwas von unserm Kind erzählen?«
Die Frau setzte sich wieder auf das Bett und beschrieb Mirjams Krankheit und Hinscheiden. Waltklinger war es feierlich zumute. Zwar hatte er das Mädchen, wie es die engen Verhältnisse der kleinen Stadt mit sich brachten, im Laufe der Jahre oft gesehen. Aber er hatte sie nie angesprochen und durch nichts verraten, daß er ihr Vater war. Die Scheu vor der Öffentlichkeit, mehr aber noch das Gelöbnis, das er der Mutter einst gegeben, hatten ihn abgehalten, den Schleier zu lüften, der auf Mirjams Geburt lag. Innerlich war er ihr jedoch nahe geblieben, und es hatte ihn geschmerzt, sie als Fremde ansehen zu müssen. Nun aber, wo er ihren Tod vernahm, fühlte er, wie nahe sie seinem Herzen immer gestanden hatte.
»Du bist hart zu mir gewesen, Lea,« sagte Waltklinger schmerzlich. »Aber ich darf mit dir nicht rechten, denn ich hatte deinen Frieden schwer gestört. Wie viele Jahre seitdem auch dahingegangen sind, der Kummer darüber ist nicht von mir gewichen. Durch aufopferndes Wirken für andere habe ich versucht, mein Gewissen zu beschwichtigen. Aber seine Stimme hat nie stillgeschwiegen.«
»Wenn ich deine Seelenpein mildern kann, Georg, will ich's gern tun. In so bitteres Leid der Tod den Menschen auch stößt, wenn er ihm sein Alles raubt, so ist er doch ein Bote des Himmels. Und sein gewaltiger Schmerz erweicht das Gemüt. Ich durfte dir wohl zürnen, aber ich war grausam. Das tut mir heute weh! Der große Schmerz trifft uns beide, er soll uns aussöhnen. Auch Mirjam hat dir nicht gezürnt. Sie ging mit einem Gebet für ihren Vater auf den Lippen.«
Waltklinger blickte schmerzlich auf.
»Deine Worte geben mir viel Tröstung, Lea; ich danke dir!«
»Georg,« sagte die Frau und trat zu dem Sitzenden, »ich kann dich nicht so leiden sehen. Dein Schicksal rührt mich tief.« Sie zog aus der Tasche ihres Kleides ein Fläschchen. »Hier nimm,« flüsterte sie, »es ist ein sicher wirkender Trank, der dich friedlich einschlafen läßt. Unsere Familie behütet sein Geheimnis seit Jahrhunderten. Du bist ein ehrenhafter, stolzer Mann, Jörg, und wirst den Tod der erniedrigenden Strafe vorziehen. Das Herz würde mir vollends brechen, wenn – –«