Sie schwieg und sah zur Seite.

Der Gefangene griff überwältigt nach ihren beiden Händen und antwortete:

»Liebe Lea, so weit also geht deine Güte für den, der dich betrog? Du beschämst mich. Dein Vorschlag will mein Bestes, aber ich kann ihn nicht annehmen! Ich habe gefehlt! Deshalb darf ich mich meinen irdischen Richtern nicht entziehen, so unerträglich mir ihre Strafe auch scheint. Dem himmlischen Richter kann ich doch nicht entgehen. Und er würde viel schwerer geneigt sein, mir zu vergeben, wenn ich handelte, wie du mir rätst. Ein aufrechter Mann darf nicht zurückschrecken, wenn getane Schuld an ihm gesühnt werden soll.«

Die Frau weinte leise.

»Ich habe es geahnt, daß du so sprechen würdest,« stammelte sie.

Enttäuscht barg sie das Fläschchen wieder in ihrer Tasche und wischte die Tränen aus den Augen. Dann reichte sie ihm die Hand zum Abschied und sagte:

»So tröste dich der Allmächtige, Jörg. Mit seiner Kraft wirst du das Schwere überwinden.«

»Mag er auch dein Weh mildern und in bangen Stunden an deiner Seite stehen. Lebe wohl, Lea!«

Eine Sekunde darauf war Waltklinger allein. Er lauschte noch aufmerksam den sich entfernenden Tritten, bis sie ganz verklungen waren. Dann streckte er sich ermattet auf das Bett. Wieder war ein lieber Mensch von ihm gegangen! Und eine innere Stimme sagte ihm, daß auch unter der Bürgerschaft viele innigen Anteil an seinem Geschick nähmen. Da fühlte er, wie sich langsam seine Augen füllten. Es waren Freudentränen, und er schämte sich ihrer nicht.

Bald öffnete sich die Tür wieder; der alte Edelbeck erschien noch einmal.