Das Heulen in den Gassen wuchs, und der Ruf »Feuerjo!« ertönte von allen Seiten. Ein Eiferer war auf den Kirchturm geeilt, und schon gellte die Feuerglocke über die Stadt hin. Die Bürger des Feuerschutzdienstes liefen nach der Spritze. Bald darauf rasselte diese durch die Elbgasse nach dem Marktplatz.

Am schlimmsten ging es am Turm zu, von dessen Eingang die Bürgerwehr die Menge zurückgedrängt hatte. Hier war das Gerücht von einer Befreiung des Burgemeisters durch List laut geworden. Der Wächter vom Jüdentor habe den Plan verraten, und das Dazwischentreten des Schloßhauptmanns hätte das Werk vereitelt.

Ein ohrenzerreißender Lärm hallte über den Frauenmarkt. Peter Sorgenfrei stand auf dem von Menschen freigemachten, kleinen Raum vor dem Tor der Fronfeste, den zu betreten bewaffnete Bürger die Menge zurückhielten. Da wandte sich Sorgenfrei gegen den ärgsten Lärmmacher in der vordersten Reihe – Bruder Antonius –, der jäh verstummte, als der riesige Fleischhauer auf ihn zutrat. Der Mönch stand wie versteinert, nicht das Weiße im Auge zuckte. Nur der Blick hing starr an der erhobenen, gewaltigen Faust. Wenn diese niederfiel – das wußte er –, zerschlug sie seinen Schädel wie einen irdenen Topf. Doch ging das Verhängnis noch einmal an dem alten Landstreicher vorbei.

Da machte die Menge eine Bewegung und drängte, allen Anstrengungen der Bürgerwehr zum Trotz, bis nahe zum Eingang des Turmes vor.

Zur gleichen Zeit öffnete sich das Tor der Fronfeste und Caspar von Carlowitz trat heraus. Acht bewaffnete Burgknechte folgten ihm, in deren Mitte mit leichenblassem Gesicht Bernhard von Miltitz ging.

»Eine Gasse im Namen des Herzogs!« rief der Schloßhauptmann der dichtgedrängten Menge zu.

Keiner rührte sich, der Aufforderung nachzukommen; nur ein verstärktes Geheul erbrauste als Antwort.

Jetzt klang Peter Sorgenfreis gewaltige Stimme in den Lärm hinein:

»Will die allzeit gesetzestreue Bürgerschaft Meißens dem Herzog Heinrich die Reformation mit Aufruhr und Empörung danken?«

Das wirkte. Stille trat ein, und die Menge teilte sich.