Caspar von Carlowitz ging voran und winkte den Knechten, ihm zu folgen.
Da geschah etwas Unerwartetes. Ein Weib drängte sich durch die vordersten Reihen und flog mit dem schrillen Ruf »Bernhard!« auf den Gefangenen zu. Einer der Knechte, den die drohende Haltung der Menge und ihr Geschrei kopflos gemacht, glaubte, daß eine gewaltsame Befreiung des Gefangenen versucht würde. Er hob den Spieß, stach zu und – traf einen Jüngling, der blitzschnell vor das Mädchen gesprungen war. Der Gestochene brach lautlos zusammen. Das Mädchen aber schlüpfte zwischen den Knechten hindurch und schlang die Arme um den Gefangenen.
Der rasche Vorgang war von tiefer Wirkung auf die Umstehenden. Jeder kannte das Mädchen, es war die Tochter des Burgemeisters. Und wer war der unglückliche Gefangene, der Waltklingers Befreiung heldenmütig versucht hatte?
Da rief eine Stimme:
»Ist das nicht der Junker von Miltitz?«
Der Ruf schlug ein. Die Menge ahnte, was sich hier abspielte, und war ergriffen. Die Liebenden waren die Kinder der feindlichen Väter! So dichtgedrängt das Volk den Frauenmarkt auch bedeckte, herrschte doch jetzt tiefes Stillschweigen.
Inzwischen waren Caspar von Carlowitz und Peter Sorgenfrei zu den Umschlungenen getreten und hatten gütlich auf sie eingesprochen. Darauf flüsterte Bernhard der Geliebten noch ein paar Worte zu und löste alsdann ihre Hände schonend von seinem Hals. Während Sorgenfrei nun die Gebrochene beiseite führte, setzten sich die Burgknechte mit dem Gefangenen in ihrer Mitte in Bewegung.
Dieser Auftritt hatte die Menge plötzlich ernüchtert. Keiner besaß noch Verlangen, den Lärm fortzusetzen. Alle fühlten, daß sich etwas Großes zugetragen hatte. Das allgewaltige Schicksal war mit leisem Flügelrauschen über ihren Häuptern hingezogen.
Rascher, als er entstanden, zerstreute sich der Auflauf, und die Gassen wurden leer. Nur die letzten der Heimkehrenden sahen noch, wie der Schloßhauptmann auf schäumendem Pferde die Burggasse herabgesprengt kam und über den Markt und durch die Fleischgasse galoppierte. Schon in geraumer Entfernung vom Fleischtor klang seine befehlende Stimme: