Vierundzwanzigstes Kapitel
Unter den sieben Eichen

Ein schöner Herbstmorgen brach an. Schon zu früher Stunde wurde es in den Gassen lebendig. Von der Erregung vom Abend vorher war nichts mehr zu spüren. Die Menschen trugen ernste, sorgenvolle Mienen, und unwillkürlich dämpfte jeder die Stimme im Gespräch mit dem andern.

Die Menge wuchs. Heute dachte niemand daran, sein Tagewerk zu beginnen. Unaufhörlich strömten die Neugierigen nach dem Markt, und das Gerüst war von einem undurchdringlichen Menschenring eingeschlossen.

Da flog plötzlich von der Fronfeste her ein Gerücht durch die Menge. Wer es vernahm, schreckte zusammen und glaubte ihm nicht, obwohl es jedes Herz in neuer Hoffnung schlagen machte.

Ernst von Miltitz wäre gestern unter schwerer Gefahr für seine Gesundheit nach Dresden zum Herzog geeilt. Im Schloß angekommen, sei er infolge der Wagenfahrt sehr schwach gewesen. Endlich habe er sich wieder erholt und den Herzog vor der Abreise noch am Wagenschlag um Gnade für den Burgemeister gebeten. Herzog Heinrich hätte die überraschende Bitte freundlich aufgenommen. Im Begriff, seinem Geheimschreiber eine Milderung der Strafe zu diktieren, sei Caspar von Carlowitz auf fast zusammenbrechendem Rosse herangesprengt. Auch dieser habe um Gnade gefleht, und zwar für den Sohn des vor dem Herzog stehenden Vaters, der für seinen Feind bat. Als Herzog Heinrich die unüberlegte Tat des edelmütigen Jünglings vernommen, sei er ergriffen gewesen. Und wie er seinen geschätzten Amtmann, ob des Ungeheuerlichen, das sein Sohn gewagt, habe erbleichen sehen, da sei es rasch von seinem Lippen gekommen: ›Volle Gnade für beide!‹

Vor wenigen Minuten hätte Caspar von Carlowitz dem Burgemeister die Begnadigung verkündet.

Aus dem dichtgedrängten Haufen erscholl nicht ein einziger Ruf der Freude. Man mußte erst Gewißheit haben, bevor man das gepreßte Herz frei machte. Wie grausam wäre ein Irrtum gewesen.

»Auf, zur Fronfeste!« rief laut eine Stimme, und die Menge drängte ungestüm durch die Jüdengasse nach dem Frauenmarkt.