Das Gerücht beruhte auf Wahrheit! Noch in der Nacht waren Ernst von Miltitz und Caspar von Carlowitz von Dresden zurückgekommen. Und als der Morgen dämmerte, hatte beim Wächter des zu Füßen des Burgfelsens gelegenen Wassertors ein Jüngling um Auslaß gebeten. Außerhalb der Stadtmauer war er sodann elbaufwärts geeilt, bis er Siebeneichen erreicht hatte.
Zu derselben Zeit, als in Meißen die Kunde des herzoglichen Gnadenaktes laut wurde, saßen Ernst von Miltitz, Frau Magdalena und Bernhard beim Morgenimbiß. Eine schwere Stunde lag hinter ihnen. Bernhard hatte seinen Vater um Verzeihung für seine Tat gebeten. Die Liebe zu der Tochter des Burgemeister habe ihn zu diesem Beginnen bewegt. Auch habe er geglaubt, die schwere Strafe von dem Mann abwenden zu sollen, um deren Milderung der Vater sicherlich würde gebeten haben, wenn er das verhängnisvolle Geschick Waltklingers gekannt hätte. Der väterliche Bittgang, nachdem er das Urteil erfahren, bestätige dem Sohn, daß er die Großmut des Vaters seinem Feinde gegenüber richtig eingeschätzt.
Wohl verurteilte Ernst von Miltitz die rasche und gegen das Gesetz gerichtete Tat des Jünglings. Aber mit geheimem Stolz erkannte er auch den Edelmut, der den Sohn zu dieser Handlung getrieben. Deshalb verzieh er ihm aus vollem Herzen, und ihre Aussöhnung vertrieb selbst den Schatten, der seit jenem bösen Auftritt zwischen ihnen gestanden.
Frau Magdalena hatte ihren Sohn stumm in die Arme geschlossen. Sie kannte ihn nur zu gut. Er war das treue Abbild seines Vaters. Eine übereilte Handlung konnte der Jüngling, bis das Leben seinen Charakter gereift, wohl begehen, aber nie eine Tat, die einen Makel auf ihn geworfen hätte. Und die warme Regung, die ihn getrieben, war doch ebenfalls das Erbe seines Vaters.
So saßen die drei mit übervollem Herzen beieinander.
Da hörten sie die Tür gehen. Und wie sie sich umschauten, gewährten sie auf der Schwelle zwei Menschen: ein junges, blasses Mädchen und einen gebeugten Mann. Die schönen Augen des Mädchens waren mit Tränen gefüllt; ihre Hand lag in der des völlig fassungslosen Begleiters. Keines von beiden sprach ein Wort. Da tat der Mann an der Tür ein paar unsichere Schritte ins Zimmer. Dann versagte ihm die Kraft. Langsam breitete er die Arme aus, sank auf die Knie nieder und stammelte:
»Ernst von Miltitz, – Ihr habt – – –«
Hier brach seine Stimme.
Der Amtmann sprang vom Stuhl auf und ging zu dem Knienden.