»Georg Waltklinger,« sagte er gütig, »steht auf. Nicht mir, unserm gütigen Herzog gebührt Euer Dank!«
Der Kniende haschte nach den ihm entgegengestreckten Händen und hielt sie fest.
»Herr Amtmann,« stammelte er, »meine schwere Schuld drückt mich bei Eurem Anblick nieder, – und so will ich mit Euch sprechen. Eure Großmut mag meinem Dank wehren, für den mir alle Worte zu schwach sind, aber mein Geständnis müßt Ihr anhören. Ich bin Euch übel gesinnt gewesen, und was ich über Euch gesprochen, mag mir Gott verzeihen. Als einen rechthaberischen Mann ohne menschliches Mitgefühl habe ich Euch betrachtet. Und wäre das Schlimme nicht über mich gekommen, so hätte ich Euch wohl für immer bitter unrecht getan. Darum preise ich die Prüfung! Meine Hoffart habt Ihr mit Edelsinn erwidert. Ernst von Miltitz, Ihr habt mich besiegt! – Könnt Ihr verzeihen?«
Während dieser Rede waren die Ratsherren und noch einige andere angesehene Bürger Meißens in das Zimmer getreten. Alle waren sichtlich ergriffen.
»Ich verzeihe Euch gern, wenn Ihr eine Schuld gegen mich fühlt,« antwortete der Amtmann bewegt. »Die Überlieferung aus vergangenen Zeiten ist es gewesen, was Euch verhinderte, mich gerechter zu beurteilen. Und was Ihr erlitten, mußtet Ihr für die Feindschaft büßen, die Adel und Städte so lange schon trennt. Vielenorts wird der Wunsch laut, das alte Zerwürfnis zu beseitigen. Beginnen wir damit! Wollt Ihr das Versprechen besiegeln, allen Hader zu vergessen und mir Euer Vertrauen für die Zukunft zu schenken, so reicht mir die Hand.«
»Das will ich, Herr Amtmann!« versetzte Waltklinger freudig und schlug ein.
»Ich danke Euch, Herr Burgemeister! Und Ihr sollt es erfahren, wie ich Euch schätze. Nun aber steht auf.«
Peter Sorgenfrei dankte jetzt im Namen des Rats für die hochherzige Fürbitte. Aber Ernst von Miltitz wehrte ab.
Da trat ein Greis vor den Schloßherrn. Es war der alte Niclas Anesorge. Seine Züge waren verfallen, und es schien, als wenn die Aufregungen der letzten Tage den verbissenen Weißkopf an den Rand des Grabes gebracht hätten.
»Herr Amtmann,« murmelte der Alte, »mir müßt Ihr noch erlauben, zu Euch zu sprechen. Ich hab' Euch am schlimmsten mitgespielt! Und wenn man's gewahr wird, daß es ein guter Mensch gewesen, den man verunglimpft hat, so tut das bitter weh! Ich werde mir's nimmer verzeihen können – –«