»Die Jungfrau, von der ich sprach, besitzt eine reine, herrliche Seele. Ihr Vater trägt einen hochangesehenen Namen, er ist der Burgemeister …«
»Waltklinger?« Frau Magdalena richtete sich steil auf.
Bernhard sah verwundert auf.
»Ja, liebe Mutter,« antwortete er, »Sonnhild ist die Tochter des Burgemeisters Georg Waltklinger.«
Frau von Miltitz schöpfte tief Atem. Dann sagte sie:
»Nein, Bernhard, der jahrhundertealte Zwist zwischen Adel und Bürgertum darf Herzen, wo sie sich nähern, nicht im Wege stehen. Aber wir können es ruhig denen überlassen, sich hierüber zu verständigen, die es angeht. Für dich mit deinen achtzehn Jahren ist dieses Gespräch zu ernst. Und ich will dir auch sagen, warum ich erschrak, als du vom Burgemeister sprachst. Du bist erst zu kurze Zeit wieder hier, daß du wissen könntest, wie zwischen deinem Vater und dem Rat der Stadt Meißen gegenwärtig eine starke Spannung besteht. Wie dir bekannt, ist vor einigen Jahren drüben im Kurfürstentum Sachsen die Reformation eingeführt worden, während sie bei uns herzoglichen Sachsen vergeblich um Einlaß angeklopft hat. Darüber ist die Bürgerschaft Meißens erbittert, weil sie die lutherische Lehre zur Staatsreligion erhoben sehen möchte. Aber unser Herzog Georg ist ein Feind des Wittenbergers. Deinem Vater fällt es nun als Amtmann von Meißen zu, die widerspenstige Einwohnerschaft in Schach zu halten, wofür er vom Herzog ausreichende Vollmacht erhalten hat. Das Haupt dieser Religionsbewegung ist in Meißen aber der Burgemeister Waltklinger. Dieser stolze und adelsfeindliche Mann betrachtet deinen Vater als einen böswilligen Widersacher und ist ihm bitter gram. Was müßte dein Vater nun empfinden, so er erführe, sein Sohn hofiere dem Burgemeistertöchterlein, und wie müßte das Mädchen leiden, wenn solches dem Waltklinger zugetragen würde. Denn der Jähzorn dieses Mannes soll schlimm sein.«
Frau Magdalena hatte sich bei den letzten Worten erhoben.
»Ich weiß, daß ich mich auf deine Klugheit und auf dein Zartgefühl verlassen kann. Du wirst nie vergessen, welches Maß von Rücksicht du dem Namen, den du trägst, und deinem Vater schuldig bist.«
Hier verließ Frau von Miltitz in mühsam verhehlter Erregung das Zimmer. Bernhard hatte ihre Rede stumm angehört. Jetzt sah er in starrer Haltung noch eine Weile auf die Tür, durch die seine Mutter ihn verlassen. Dann trat er in den Turmerker und schaute lange hinaus über das weite Land.