Viertes Kapitel
Eine stürmische Ratsversammlung
Der Burgemeister Georg Waltklinger trat aus seinem Haus auf den Marktplatz. Er warf einen kurzen Blick über die Zelte und Stände der Marktfieranten und schlug alsdann den Weg nach der Kirche ein; zwei Stadtknechte mit Spießen auf den Schultern folgten ihm mit respektvollem Abstand.
Georg Waltklinger war ein großer und stattlicher Mann. In seiner Jugend, das war bekannt, hatte er manches Liebesabenteuer gehabt, denn die Herzen der Jungfrauen waren dem schönen Georg, wo immer er erschien, zugeflogen. Dazu war er von bedeutendem Rang. Die Waltklingers zählten zu den ältesten Bürgerfamilien, die ratsfähig waren.
Die Angehörigen dieser Patrizierhäuser besaßen ein starkes Standesbewußtsein. Sie machten darauf Anspruch, als ebenso vornehm zu gelten, wie die angesehensten Familien des meißnischen Uradels. Die geachtesten Geschlechter der Stadt hätten den jungen Mann als Brautwerber mit offenen Armen empfangen. Deshalb war man ihm anfänglich ein wenig ungnädig gesinnt, als das Gerücht umlief, der schöne Georg habe in Dresden gefreit.
Kurz darauf führte er sein junges Weib heim. Sie hieß Maria und war die Tochter eines der reichsten Kaufherren der herzoglichen Residenzstadt. Ihre Schönheit und holdselige Anmut gewann aller Herzen. Dazu besaß sie ein wahrhaft edles Gemüt. Und keiner ging von der Schwelle ihres Hauses, ohne einen tiefen Eindruck von der Frau, die darin waltete, mitzunehmen. Selbst die übelste Zunge wagte sich an Maria Waltklinger nicht heran; so hoch stand der Ruf ihrer Weiblichkeit.
Deshalb verstanden es die Leute, daß Georg Waltklinger, als die Pest sein blühendes Weib nach wenigen Jahren dahinraffte, beinahe den Verstand verlor. Er tobte und schrie und verwünschte Himmel und Erde. Selbst sein liebliches Töchterchen von vier Jahren, das Ebenbild der Mutter, war ihm kein Trost. Ja, man durfte dem Vater das Kind anfangs nicht einmal unter die Augen bringen, da er ihm die Schuld beimaß, es habe der Mutter durch seine Geburt die Kraft genommen, siegreich wider die Krankheit zu streiten.