Maria Waltklinger war verblichen wie ein milder Stern, der in einsamer Nacht dem müden Wanderer freundlich geschimmert, wie eine zarte Blume, deren Schönheit und Duft ihrem Besitzer eine kurze Freude bereitet hat.
Georg Waltklinger aber war von da ab ein anderer Mensch. Er entsagte allen Zerstreuungen und richtete seine ganze Kraft nur auf sein Handwerk, worin er so Außerordentliches vollbrachte, daß nach wenigen Jahren die Erzeugnisse seines Hauses über des Herzogtums Grenzen hinaus gepriesen und begehrt wurden.
Da boten die Ratmannen dem noch in verhältnismäßig jungen Jahren Stehenden den freigewordenen Posten als Burgemeister der Stadt an. Der junge Meister sagte nach anfänglichem Schwanken zu und wurde Stadtoberhaupt. Und damit begann für Meißen eine Reihe segensreicher Jahre, denn Georg Waltklinger verstand es, sein Amt vortrefflich wahrzunehmen. Die gesamte Bürgerschaft gewann ihn lieb und brachte ihre Dankbarkeit dergestalt zum Ausdruck, daß sie sein Amt in jedem Jahre neu bestätigte.
Georg Waltklinger gewahrte mit heimlicher Befriedigung, daß auf seinem Wirken Segen ruhte. Aber diese Erkenntnis machte ihn nicht hoffärtig. Er blieb bei allen Ehrungen der einfache Mann, der jede Anerkennung zurückwies. Mit väterlicher Leutseligkeit sprach er in den schlichtesten Häusern vor, und die Rechtschaffenen unter den fahrenden Gesellen auf der Landstraße durften seiner Achtung ebenso gewiß sein, wie die Häupter der angesehensten Geschlechter der Stadt. Stolz kannte er nicht.
Und doch war Georg Waltklinger gewaltig stolz! Dann nämlich, wenn er mit Mitgliedern des Adels in Berührung trat. Bei solchen Anlässen hatte sein Stolz keine Grenzen! Er kannte genugsam die landläufige Geringschätzung, mit der der Adel auf das arbeitende Bürgertum herabsah. Und da er wußte, wie viel die Städte, besonders während der beiden letzten Jahrhunderte, zum Wohle des Landes beigetragen hatten, weil er von dem hohen Beruf des deutschen Handwerks, ohne sein Verdienst parteiisch zu überschätzen, tief durchdrungen war, setzte er der verächtlichen Haltung der Adligen den ganzen mannhaften Stolz eines freien Bürgers und Handwerkers entgegen. Deshalb war sein Gleichmut bald erschüttert, wenn er von einem Übergriff des Adels hörte. –
Der Burgemeister Georg Waltklinger, begleitet von den beiden Stadtknechten, ging an dem Marktbrunnen und der Kirche vorüber und betrat alsdann durch das neue, prächtige Tor den Kirchhof. Dieser hohe Sandsteinbogen war auf seine Anregung von der Innung der Tuchmacher kürzlich der Stadt gestiftet worden. Der Burgemeister machte heute seinen allwöchentlichen Rundgang durch die Stadt.
Am Frauensteg vorüber ging er den Markt entlang und die Burggasse hinauf. Jeder, der ihn sah, bot ihm den Gruß; und mancher mochte wohl beim Anblick des stattlich dahinschreitenden Stadtoberhauptes heimliche Freude empfinden.
Vor seinem Hause in der Burggasse stand der ehrsame Hans Krebs, der Ratsweinmeister, der sich der Freundschaft Waltklingers rühmen durfte. Beim Herankommen des Burgemeisters zog Krebs die runde, gestrickte Mütze von dem weißen Haar.
»Der Kranz hängt vor deinem Hause,« rief Georg Waltklinger schon in einiger Entfernung. »Du besitzest für diesen Monat die Braugerechtsame. Wie ist dein Bier?«