Der Burgemeister ließ das alte Franziskanerkloster zur Linken und schaute über den anstoßenden Kirchhof hinweg, auf dem das Beinhaus stand, worin im Mittelalter die vielen menschlichen Gebeine aufgespeichert wurden, die man ausgraben mußte, um den später Heimgegangenen die letzte Ruhestatt in der Erde auf ein paar Jahre zu bereiten. Denn die Friedhöfe waren klein! So behalfen sich die Menschen eine lange Zeit, bis die Not siegte und man sich entschloß, den Gottesacker draußen vor der schirmenden Stadtmauer anzulegen.
Vor der Baderei auf dem Frauenmarkt blieb Georg Waltklinger wiederum stehen. Aus der großen Badestube drang Stimmengewirr. Hier badeten in geräumigen hölzernen Wannen die Menschen friedlich nebeneinander, gleichviel, welchen Geschlechts. Manche Bürger kamen täglich hierher – denn nur die Reichen besaßen ihr Badestüblein zu Hause –, und selbst dem Ärmsten verschaffte die Stadt allwöchentlich und ohne Entgelt die begehrte Gelegenheit zur Reinigung.
Da schlug die Uhr der Stadtkirche zehn. Der Burgemeister durchschritt rasch die Jüdengasse, und als er das Eckhaus erreicht hatte, worin der Apotheker Karl Leuschner seine Tränklein und Mixturen verhandelte, stand er wieder auf dem Markte. Hier war es vonnöten, daß die beiden Stadtknechte ihrem Gebieter voraufgingen, um ihm Raum zu bahnen, – so dicht war das Gewühl in den Gängen.
Jetzt betrat Georg Waltklinger die Tür des Rathauses, zu deren beiden Seiten die Stadtknechte sich aufstellten, die gewaltigen Spieße neben sich auf den Fußboden niederstoßend. Das war das Zeichen, daß der Burgemeister und die Ratmannen sich versammelt hatten.
In dem geräumigen Saal im ersten Stockwerk, dessen Decke von mächtigen Balken getragen wurde, saß die würdige Ratsversammlung an einem langen Tisch. Da erschien der Burgemeister. Er verneigte sich kurz vor den ihn Begrüßenden und nahm den Platz am oberen Ende des Tisches ein.
Die Namen der Männer, die hier vereinigt waren, hatten einen guten Klang. Da war der alte Niclas Anesorge, seines Zeichens gleichfalls Tuchmacher, Heinrich Faust und Hans Mortitz, Gewürzzehntner, der reiche Peter Sorgenfrei, des Burgemeisters Stellvertreter und vorsitzender Meister der Innung der Fleischhauer, Sigmund Badehorn, der Becherer, Christoph Pfluger, Bäcker, und die Meister Claus Haßbecher und Valentin Heide der Leinweberinnung.
Zur Linken des Burgemeisters saß Wolf Behr, der Stadtrichter, neben diesem der Stadtschreiber Valentin Schein.
Georg Waltklinger tat einen lauten Hammerschlag – die Sitzung war eröffnet. Er wandte sich an den Stadtschreiber.
»Sind die Torzölle und Abgaben in der verwichenen Woche befriedigend hoch gewesen?«
»Sie waren es.«