Eine Bewegung ging durch die Ratsversammlung. Jeder wußte, daß jetzt der wichtigste Punkt der heutigen Tagesordnung an die Reihe kam. Die Männer setzten sich in den schweren Stühlen zurecht, und jeder blickte erwartungsvoll auf das Stadtoberhaupt.

Georg Waltklinger hatte unterdessen die große Papierrolle ausgebreitet, die er in der Hand gehalten, und von deren unterem Rande an einem goldenen Faden ein schweres Siegel herabhing. Dann ließ er die durchdringenden Augen über die Versammlung schweifen und begann:

»Lieben Freunde! Das Pergament das Ihr hier seht, ist unsere jüngste Bitte an des Herzogs Hoheit, er möge in Gnaden bewilligen, daß denjenigen Einwohnern unserer Stadt das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht werde, die sich als Anhänger der evangelischen Lehre bekennen. Der unselige Religionshader in unserem Lande will nicht aufhören, während sich drüben im Bruderstaate alles in Lieb' und Eintracht geschlichtet hat. Das sächsische Volk aber ist es nicht, das diesen Unfrieden schürt, es ist, Gott sei's geklagt – ein anderer! Aber die Stimme des Volkes wird nicht schweigen, und Herzog Georg mag es recht bedenken, ob es gut sei, wenn sich der Fürst solchergestalt in scharfen Widerspruch zu seinen Untertanen setzt. Wir werden es keinem zulassen, Zweifel an der Treue des sächsischen Herzogtums zu seinem Herrscher zu hegen. Kann man aber die betrübliche Wahrheit leugnen, daß in allen Teilen des Landes tiefe Erbitterung herrscht?«

Hier wurde Georg Waltklinger von Einwürfen der Zustimmung unterbrochen.

»Nun lieben Freunde,« fuhr der Burgemeister mit steigendem Unwillen fort, »auch in unserer fürstentreuen, alten Markgrafenstadt ist die Erbitterung in der Bürgerschaft hoch angewachsen. Es fehlt nur wenig, daß sie nunmehr verlangt, um was sie bis zum heutigen Tage erfolglos gebeten. Des Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! Und wenn dem Menschen verwehrt wird, so zu seinem Gott zu sprechen, wie sein Gewissen heischt, dann streut man die verhängnisvolle Saat des Unfriedens und der Empörung in sein Herz!«

Der Burgemeister schwieg eine kurze Weile, um alsbald mit erhobener Stimme weiterzusprechen:

»Ihr wißt, lieben Freunde, daß unsere ehrerbietig vorgebrachte Bitte abermals zurückgewiesen wurde. Das ist hart. Sehr hart! Aber unserer geradezu unwürdig ist es, wenn dieser Bescheid nicht von des Herzogs Hoheit, sondern von einem der schlimmsten Papisten gefället ward, die in unserem Lande ihr dunkles Handwerk betreiben. Denn der hochmütige Verfasser der kurzen Zurückweisung unseres Ansuchens auf dem Rande des Pergaments ist kein anderer als unser Amtmann – Ernst von Miltitz!«

Diese Rede erregte einen Sturm der Entrüstung unter den Versammelten. Harte Worte des Unwillens klangen durcheinander, und manch schwielige Faust fiel dröhnend auf den Tisch nieder. Der alte Niclas Anesorge war von seinem Sitze aufgesprungen und schrie seine Empörung über die Männer hin. Einer freien Bürgerschaft tat man dieses an? Soweit war es gekommen, daß nicht einmal der Landesfürst, sondern einer seiner Schranzen engherzig versagte, um was das tief bewegte Volk bat! Bat? Nein! Das war kein Bitten mehr, man flehte ja schon längst! Und die Zurückweisung gerade von dieser Stelle mußte wie ein Fußtritt empfunden werden.

Noch waren keine zwölf Monate verflossen, daß der langjährige Hofmarschall des Herzogs, Ernst von Miltitz, nach Meißen als Amtmann geschickt worden war. Hatte in diesem kurzen Jahr der Hader zwischen ihm und der Bürgerschaft schon einmal aufgehört? Was galt diesem adelsstolzen Mann die freie Bürgerschaft? Sie waren ja keine Schildbürtigen! Am liebsten hätte er der Stadt abgesagt. Aber Bürgerstolz gegen Adelstolz! Hatte nicht das Handwerk das Volk groß gemacht? Waren es nicht die Städte, die verhaßten Bürger, die von den Gutsherren geknechteten Bauern, die Land und Thron stützten? Oder taten dies etwa die verkommenen Edelleute – die Vollsäufer und Gotteslästerer?

Also sprachen die Erzürnten, und manch anderes Schlimme.