Gegenüber dem ehrwürdigen Rathaus in gotischem Stil, mit seinem mächtigen, spitzen Dach, stand auf der andern Seite des Marktes ein breites Haus mit reichverziertem, hohem Giebel. Es war eines der schönsten und stolzesten Gebäude der Stadt, und sein Besitzer mußte zu den angesehensten Bürgern Meißens gehören.
Auf diesem Hause hafteten wie gebannt die Augen des Jünglings. Er kannte die reiche Portalbekrönung unter der sich das Bogenprofil der kunstvoll geschnitzten Haustür etwas nach vorn neigte, verziert mit Blumen und Früchten, die eines Meisters Hand aus dem Elbsandstein herausgemeißelt hatte. Er kannte auch den Spruch, der um den runden Bogen lief:
»Wir haben nichts mit in die Welt gebracht,
Wir nehmen auch nichts mit hinaus!«
Die Erinnerung des Jünglings eilte um ein paar Jahre zurück.
Draußen vor dem Lommatzscher Tor war es gewesen! Und ein strahlender Sommertag, der ihn verlockt hatte, oben auf der Höhe zu lustwandeln. Ach, es war ja sein letzter Tag, bevor er auf Jahre hinauszog! Seine Augen hatten noch einmal in Wehmut an dem schönen Bilde gehangen, das dem Beschauenden von dieser Stelle wird: – den scharfen Umrissen der altersgrauen Markgrafenburg mit ihren kühnen Zinnen, und auf dem ehrwürdigen Dom mit seinen schlanken, himmelragenden Türmen, deren Hintergrund die rebenbedeckten Weinberge des Spaargebirges bilden. Just wie heute war die Luft ein unermeßliches Strahlenmeer gewesen. In der Ferne, wo die Bergesgipfel dichter Wald bedeckte, waren dessen Farben sanft in das helle, sonnendurchflimmerte Himmelsblau geflossen. Und tief unter seinen Füßen hatte der Elbstrom gerauscht. Diese Schönheit hatten seine Blicke durstig eingesogen, damit er Jahre hindurch von der Erinnerung zehren könne.
Da hatte das Ohr des Schauenden plötzlich leises Kichern vernommen. Und als er sich umgesehen, war ihm ein wunderlicher Anblick geworden: unter dicht belaubten alten Buchen und im hohen Grase halb verborgen, hatte ein junges Menschenkind gelegen, das ihn mit den lachenden Blicken eines Koboldes neugierig betrachtete.
Zögernd war er näher getreten. Doch hatte ihn die Erscheinung so überrascht, daß ihm anfänglich die Sprache versagte. Es war ein wahrhaftes Engelsantlitz mit großen, strahlenden Augen, in das er geschaut. Ein schwerer Kranz blonder Flechten, von denen ein sonniges Flimmern ausging, hatte die weiße Stirn umgeben.
Endlich hatte er gesagt:
»Wer bist du? – Bist du ein Mensch oder eine Waldfee?«
Da war das zierliche Wesen auf die Füße gesprungen, hatte vor Ausgelassenheit in die Hände geklatscht und hell aufgelacht, daß es geklungen, als wenn silberne Glöcklein angeschlagen würden.