Es war ein milder Frühlingsabend. Sonnhild saß auf dem Lustgänglein, um die herrliche Luft zu genießen. Vor ihr stand auf dem kleinen Tisch eine zinnerne Lampe, in deren mit Erdöl gefülltem Becken der brennende Docht lag. Das Mädchen hielt eine angefangene Stickereiarbeit in den Händen, die zu dem nahen Geburtstag des Vaters fertig sein sollte.
Sonnhild stichelte tapfer beim trüben Schein der Lampe. Da entsank die Arbeit den fleißigen Händen, und ihr Blick verlor sich. Sie dachte angestrengt nach. Ein wehmütiger Zug trat auf ihr Gesicht, und endlich lief eine feine Röte darüber hin. Das Mädchen erschrak und nahm die unterbrochene Arbeit wieder auf. Bald kamen aber die Träumereien von neuem, und sie vergaß gänzlich die Außenwelt.
Da fuhr sie auf. Hatte sie nicht auf dem Hof leises Geräusch vernommen? Sie horchte. Es war alles still. Der milde Abendwind spielte leise mit dem leinenen Vorhang, der ihren Platz von dem hinteren Teil der Galerie abschloß. Sie beruhigte sich und gab sich von neuem willig den Gedanken hin, die sie erfüllten.
Aber schon wieder war es ihr, als ob sie etwas Ungewöhnliches gehört habe. Doch schalt sie auf ihren törichten Argwohn, denn was sollte sie hier stören? Und abermals vergaß sie die Arbeit. Sie legte sich zurück und schloß die Augen. Es mußte eine freundliche Erinnerung sein, die in ihrer Seele heraufstieg! Denn ein glückliches Lächeln trat auf ihr Gesicht, und ihr Mund flüsterte leise einen Namen – einmal, zweimal.
Im nächsten Augenblick aber richtete sie sich auf und horchte angestrengt. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, daß sie einen fremden Laut vernommen hatte. Sollte etwa ein Fremder ins Haus gedrungen sein? Das Tor stand noch offen, der Vater verschloß es erst, wenn er aus der Innungsstube nach dem Nachttrunk heimkehrte.
Das Mädchen saß unbeweglich und strengte alle Sinne an. Da bemerkte sie, wie sich der Vorhang leise bewegte. Geängstigt sprang Sonnhild auf und trat bis an die Mauer zurück, die Augen starr auf die Falten der Leinwand gerichtet. Sie fühlte, daß dahinter ein Mensch stand. Ihre Glieder waren wie gelähmt, und von ihren Lippen kam ein unterdrückter Laut des Entsetzens.
Da teilte sich der Vorhang, und ein Mann trat in den Lichtkreis. Sonnhild stand mit vorgeneigtem Oberkörper und starrte auf den Eindringling Im nächsten Augenblick stieß sie geängstigt aus:
»Bernhard! …« und
»Sonnhild!« klang es fast gleichzeitig, und Bernhard flog ihr zu Füßen und haschte nach ihrer Hand und preßte sie lange an seine Lippen.