»Ihr sagtet Eurem Vater zu,« sprach der Jüngling weiter, »nicht vor die Tore der Stadt zu gehen. Dieses Versprechen sollt Ihr ihm halten! Deshalb sei der Ort unserer Begegnung der Schloßberg. Die dichten Bäume am Fuße der Burg werden neidische Blicke von uns fernhalten. O – edle Jungfrau, sagt nicht nein, ich flehe darum!«
Der Klang dieser Worte schlug dem Mädchen ans Herz. Und als sie in Bernhards bittende Augen sah, war ihr letzter Widerstand besiegt.
»Sei es darum,« flüsterte sie mit schmerzlichem Lächeln, »wie könnte ich Euch etwas abschlagen, wenn Ihr so bittet. Am Dienstag zur gewohnten Stunde wartet meiner oben im Schloßhof, ganz hinten an der Mauer auf der Elbseite.«
»O – wie gütig Ihr seid,« erwiderte der Jüngling, »ich danke es Euch viele Male!«
»Doch wie konntet Ihr nur hierherkommen?« fragte Sonnhild ängstlich, sich erst jetzt der großen Gefahr bewußt werdend, in der sie schwebten.
»Den Wächter am Jüdentor bestach ich mit einem reichlichen Weingeld. Er wird mir auch zum Austritt wieder öffnen. Euer Haus fand ich offen, und als ich den Lichtschein im Hofe sah, legte ich rasch die Leiter an und gewann so das Lustgänglein. Noch konnte ich Euch ja nicht sehen und zögerte deshalb. Da verriet mir der Schlag meines Herzens Eure Gegenwart. Und so fand ich Euch,« schloß der Jüngling treuherzig.
Das Mädchen antwortete nicht, ließ es aber geschehen, daß Bernhard ihr tief in die Augen sah. Plötzlich sagte sie hastig:
»Jetzt aber geht schnell! Die Uhr steht kurz vor zehn, – der Vater möchte uns andernfalls überraschen!«
Sie führte Bernhard die Treppe hinab und setzte die Lampe auf deren unterste Stufe, daß ihr Licht den großen Hausflur spärlich erhellte.