Eine Sekunde lang schwankte Bernhard, ob er nicht auf die schwere Beleidigung antworten sollte. Dann gewann das Bedauern mit dem Wütenden die Oberhand. Er warf einen raschen Blick auf Sonnhild. Bleich bis in die Lippen hinein, lehnte sie an der Mauer, und in ihren Augen lag ein herzzerreißendes Flehen. Das tilgte in des Jünglings Brust den letzten Zweifel. Er schritt langsam zur Tür und verließ das Haus.
Jetzt wandte sich Waltklinger zu Sonnhild. Aber noch bevor sein furchtbarer Zorn zum Ausbruch kam, trat aus dem Dunkel der Treppe eine Frau hervor, die sich mit ihrer hohen Gestalt schützend vor das Mädchen stellte. Es war Hanne, die alte Haushälterin des Burgemeisters.
»Nun ist es genug!« rief sie. »Eure Absage an den Junker durfte ich nicht stören. Dem Kinde aber werdet Ihr kein Haar krümmen! Ich habe die ganze Unterhaltung der beiden heimlich mit angehört. Es war nichts darin, was Euerm Namen, was Georg Waltklingers Tochter zur Unehre gereicht hätte. Gefehlt haben beide; die Schuld trägt der Jüngling. Euer maßloser Zorn hat sie gestraft, schwerer als sie es verdienen. – Und nun geh in deine Kammer, Sonnhild!«
Das Mädchen raffte sich zusammen und ging wie eine Nachtwandlerin die Treppe hinauf, indessen die alte Hanne die Haustür verschloß.
Aber die Wut Waltklingers hatten diese Worte nicht beschwichtigen können.
»Infame Buhlerin!« rief er.
Da richtete die Greisin ihren langen, dürren Leib hoch auf und trat vor ihren Beleidiger.
»Ihr glaubt mir nicht, Burgemeister?« sagte sie kalt. »Die Hanne dient dem Hause Waltklinger nun fünfundsechzig Jahre, und keiner hat sie je für unehrlich befunden. Aber ich gebe zu, leichtsinnig bin ich gewesen, – Jahre hindurch. Seht her, auf diesen alten Armen habe ich Euch einst getragen, denn es war seit Eurer Geburt keine Mutter mehr in diesem Hause. Ihr fandet an meinem Herzen das erste Lächeln, und Euer erstes Lallen galt mir. Dann lehrte ich Euch das Beten, und Euer Kummer und Euer Weinen erstarb, wenn Ihr die Arme um meinen Hals legtet. Mit meiner schwachen Kraft behütete ich Eure Seele, und ich wachte an Eurem Bett, wenn Ihr krank wart. So wuchst Ihr heran.
Dann kam die Zeit, wo ich fehlte, – aus Liebe zu Euch!«
Georg Waltklingers Zorn hatte sich bei den Worten der Greisin gedämpft. Jetzt machte er eine Gebärde.