»Nein,« fuhr die Alte mit schwächer werdender Stimme fort, »nein, Jörg, heute müssen wir zusammen Rechnung machen! Weißt du es nicht mehr, wie du zur Hanne betteltest und ihr schmeicheltest, daß sie deine Jünglingsstreiche vor dem gestrengen Vater verbergen sollte? Wie oft habe ich nicht die halbe Nacht aufgesessen und gelauscht, damit ich das leise Klopfen an der Haustür nicht überhörte, um dich auf den Strümpfen einzulassen! Und wie ich heucheln mußte deinem Vater gegenüber! Damals schlichst du auch in Bürgerhäuser hinein, mein Jörg! Aber ob du den Haustöchtern nur solche lauteren Worte gesagt hast, wie der Junker heute abend deiner Tochter, – das, Jörg, magst du dir selber beantworten! Also rase nicht gegen dein eigen Blut. Du weißt doch, mein Junge, – die Sünden der Väter …! Aber der gute Gott hat deinem Kinde den Geist seiner Mutter vererbt. Sonnhild gleicht mit jedem Tage immer mehr deiner Maria …«

Hier kehrte Georg Waltklinger der Greisin stumm den Rücken und stampfte die Treppe hinauf.

Und wie vor fünfzig Jahren der Kopf ihres Jörg, lag heute Nacht an der treuen Brust der alten Hanne das Haupt seines schluchzenden Kindes.


Am darauffolgenden Tage saßen Ernst von Miltitz und Frau Magdalena im Familienzimmer des Schlosses Siebeneichen in ernstem Gespräch. Da klopfte es an der Tür, und gleich darauf trat Bernhard ein.

»Du ließest mich rufen, Vater,« sagte er und kam ein paar Schritte näher.

Ernst von Miltitz betrachtete den Sohn streng, während Frau Magdalena vor sich niedersah.

»Heute vormittag ist ein Schreiben an mich gekommen, dessen Inhalt eine Anklage gegen dich bildet. Nun hat sich freilich der Absender, wie ich ihn kenne, großer Zurückhaltung beflissen. Aber daß gerade der Burgemeister Waltklinger es ist, der berechtigten Grund hat, sich über dich zu beklagen, ist mir überaus peinlich.

Erst vor kurzem habe ich dir geschildert, wie schwierig mir es zuweilen wird, meine Pflichten als Amtmann zu tun, und du weißt, daß Waltklinger mein schlimmster Gegner ist. Dennoch stellst du der Tochter dieses Mannes nach. Das ist eine Unklugheit und ein Mangel an Rücksicht gegen deinen Vater. Beides hätte ich nicht von dir erwartet.«