Auf der hölzernen Elbbrücke mit den beiden Torhäusern über den Brückenköpfen gingen und standen Menschlein, die von der Höhe aus so klein erschienen wie Finger. Den Strom zogen langsam schwerbeladene, mächtige Holzkähne hinunter. Sie kamen zum Teil aus Böhmen, zum andern Teil bargen sie Erzeugnisse der meißnischen Handwerkskunst und trugen diese nach den Seehäfen. Am Rande des Stroms klapperten lustig Getreide mahlende Schiffmühlen, die bei einer Belagerung der Stadt von der Mauer aus sorgfältig beschützt wurden, da man ihrer nicht entbehren konnte.

Am Fuße des Abhangs, gleichlaufend mit dem Strom, stand die Stadtmauer. Sie war aus schweren Granitblöcken gebaut und wurde von steinhartem Mörtel zusammengehalten. Ihre Höhe betrug an die zehn Ellen und zwei Ellen ihre Stärke. Stromabwärts, wo die Mauer nach der Nordseite zurücksprang, war das Wassertor, das wie alle andern Stadttore starke Flügel besaß, mit schweren Eisenbeschlägen, Schlössern und Ketten. Darüber erhob sich der mit Ziegeln abgedeckte, die Wohnung des Torwächters enthaltende Stadtturm.

Sonnhild sah dies alles, aber es machte keinen Eindruck auf sie. Nur stromaufwärts richtete sich zuweilen ihr Blick, dahin, wo sie hinter Bäumen verborgen Siebeneichen wußte.

Da hörte sie leichte Tritte, und gleich darauf trat Bernhard hinter der Mauerecke hervor. Bei Sonnhilds Anblick blieb er stehen, und sie sahen sich eine lange Weile stumm in die Augen. Dann trat er heran und reichte ihr die Hand.

»Bernhard,« sagte das Mädchen in schmerzlichem Ton.

Der Jüngling preßte die Lippen aufeinander und erwiderte nichts.

»Wie jubelte es doch noch vor kurzem in meinem Herzen«, klagte Sonnhild, »heute ist es still darin. Das Schicksal ist uns mißgünstig …«

»Wir werden ihm trotzen!« fiel Bernhard ein und warf den Kopf in den Nacken.

»Jungfrau,« fuhr er fort, »ich danke Euch für Eure Worte, die Ihr soeben gesprochen. Bestätigen sie mir doch, daß auch Euer Herz von dem bewegt ist, was ich fühle.«