»Euer Vater? Wohl ist er heftig gewesen, und ich habe seinen Zorn schwer empfinden müssen. Aber ich habe ihm das verziehen. Denn das Heil seines Kindes steht ihm über allem. Und er ist ja Euer Vater!«

Da ergriff Sonnhild beide Hände des Jünglings und drückte sie warm.

»Mein Vater gleicht dem Euern,« fuhr Bernhard fort. »Er hat mich streng gescholten, als er es erfuhr, und es ist zu einem Auftritt gekommen, so schlimm, daß ich zeit meines Lebens erröten werde, wenn ich daran denke. Aber auch bei ihm ist väterliche Liebe der Grund zu seinem Zorn gewesen. – Ach, wenn nur die Anschauungen nicht so verblendet wären!«

Von Traurigkeit erfüllt, schwiegen sie und sahen hinab auf den Strom, auf dessen Rücken die breiten Schiffe schwammen, und auf die Brücke, über die gerade eine Herde Vieh getrieben wurde, denn es war heute wieder Markttag, und auf die sanften Hügel elbaufwärts, die vom hellsten Grün bis zum dunkelsten Braun in reichster Farbenpracht prangten. Glanz und Flimmern erfüllte die Luft, und auf dem schmalen Streifen Wiese zu ihren Füßen gaukelten schillernde Schmetterlinge von Blume zu Blume. Die Sonne schien von hinten her auf das Schloß, dessen kolossalen Schatten mit seinen scharf abgegrenzten Rändern weithin werfend.

»Sonnhild,« sagte Bernhard, »wißt Ihr, was mein Vater für mich bestimmt hat? Ich soll einen Abgesandten des Herzogs nach Worms an den kaiserlichen Hof begleiten. Übermorgen schon reise ich.«

Das Mädchen krampfte die Hände zusammen, antwortete aber nicht.

»Jeder meiner Altersgenossen wird mich darum beneiden. Und wenn dieser Auftrag mir geworden wäre, bevor ich Euch wiedergesehen, hätte er mich mit Stolz erfüllt. Heute macht er mich traurig. Denn die Wahl ist nur auf mich gefallen, damit ich für längere Zeit von der Heimat entfernt werde. Ich soll Euch vergessen. Aber Sonnhild,« versicherte der Jüngling mit überquellender Wärme, »ich werde Euch nie vergessen!«

Da raffte sich das Mädchen auf.