Nun waren schon Wochen seit dem Tage vergangen, an dem die beiden Liebenden Abschied genommen hatten. Sonnhild fühlte sich vereinsamt. Das Verhältnis zum Vater war anfänglich gespannt gewesen. Sie hatte gemerkt, wie schwer es ihm gefallen war, die seinem Zorn folgende Betrübnis zu überwinden. Gleichwohl war er immer freundlich zu ihr und hatte den schlimmen Vorfall mit keinem Worte berührt. Auch schien ihm seine Heftigkeit nachträglich leid zu tun. Er wiederholte seine Liebkosungen wie früher und versuchte, Sonnhilds Schwermut durch kostbare Geschenke zu vertreiben.
Mit müdem Lächeln dankte das Mädchen dem Vater. Doch empfand sie, wie er überzeugt war, daß er ihr mit all diesem doch nicht helfen konnte. Und so kam es, daß wohl die äußeren Liebesbeweise zwischen Vater und Kind ebensooft wie früher ausgetauscht wurden, daß sie aber nicht mehr so herzlich waren, und daß beide von Gefühlen bewegt wurden, die sie voreinander verbargen. Statt der bisherigen Offenheit, herrschte jetzt heimlicher Zwang zwischen ihnen.
Sonnhild litt sehr unter diesem Zustand. Zum Glück war der Vater in dieser bewegten Zeit oft auf dem Rathaus und ließ sie viel allein.
Heute war Sonntag. Man schrieb den 15. Juli 1539.
Sonnhild saß schon zur zeitigen Vormittagsstunde am Fenster, um auf das gewohnte bunte Treiben hinabzusehen, das sich Sonntags auf dem Markt entwickelte. Zudem war heute Schützenfest. Hierzu waren die Landleute aus der Umgegend schon am frühen Morgen als Zuschauer in die Stadt eingezogen. Denn das Schützenfest war das größte Volksfest des ganzen Jahres.
Eine Zeitlang schaute Sonnhild auf die geputzten Menschen. Dann lehnte sie sich in den Stuhl zurück und sann. Das letzte Fest, bei dem sie von Herzen fröhlich sein konnte, war das Maienfest gewesen. Da hatte ihr die gute Hanne den Festschmuck aus der Lade geholt und sie damit schmücken helfen und ihr den Maienkranz ins Haar gewunden. Der Vater hatte beim Beutler eine neue zierliche Tasche für sie erstanden, die köstlich nach Ambra gerochen, und einen silbergefaßten Handspiegel, der an einer Kette als Zierat an der Seite getragen wurde.
So war sie hinaus auf den grünen Anger neben dem Kuttelhof gegangen. Dort hatten sich die jungen Mädchen getroffen. Alle geschmückt mit Schappel und Dupfing und in prächtigen Frühlingskleidern.
Zwar ging dem Maienfest alljährlich noch ein anderer Tag voran, an dem man draußen mitsammen fröhlich war. Denn schon Wochen vorher, als die ersten Kätzchen aus Weide und Hasel ausgebrochen, waren alle jungen Mädchen und Jünglinge hinausgezogen. Und wer das erste Veilchen fand, der verkündete dies laut. Dann eilten alle dahin und tanzten im Kreise um diesen frühen Abgesandten des lieblichen Lenzes.
Doch beim Maienfest ging es noch lustiger her. Da wurden die großen Reihen getanzt. Der Vorsänger stimmte an, worauf der Chor der Umstehenden laut den Text des Reihens sang, und leise sangen die tanzenden Mädchen die Weise mit. Dann wurde der bunte Federball geworfen und noch einmal um die Linde getanzt.