Auch Franziskanermönche aus dem Kloster am Heinrichsplatz drängten sich durch das Gewimmel, den Apostolischen Friedensgruß bietend. Sie gingen ohne Schuhe und unbedeckten Hauptes. Die lange Kutte mit der Kapuze auf dem Rücken war von grauer Wolle und mit einem knotigen Strick umgürtet. Sie waren Bettelmönche und standen in engem Verkehr mit den Bürgern, da viele von ihnen Meißner Stadtkinder waren.
Vom Turm der Frauenkirche wurden fromme Lieder mit Posaunen geblasen, und dann begann von allen Türmen das Läuten der Glocken.
Ein Teil der Fremden staute vor der Rathaustür, neben der an einer Kette ein Halseisen hing, als Zeichen, daß der Markt die Richtstätte war. In dem hohen Gewölbe des Eingangs stand die Ratswage. Wer freilich in den großen Saal im Oberstock hätte einen Blick werfen können, der würde die Ratsherren an einer reichgeschmückten Tafel haben sitzen sehen. An jedem Sonntag hatten sie freien Tischtrunk, heute aber bot ihnen die Stadt einen Festschmaus.
Vom Dom schlug gerade die zwölfte Stunde, und schon schickten sich die ersten an, zum Mittagessen nach Hause zu gehen, als mit einemmal in der Menge eine Bewegung entstand. Vom Heinrichsplatz her drang dumpfer Lärm und pflanzte sich bis zum Marktplatz fort. Gleichzeitig wichen die Menschen zurück, und durch die so geschaffene Gasse sprengte auf schweißbedecktem Pferde ein Postreiter der herzoglichen Hofpost.
Als er den Markt erreicht hatte, hielt er inmitten der vielen Neugierigen an, riß die auf seinem Rücken hängende, bestaubte Ledertasche auf den Bauch und entnahm ihr einen dicken Brief, der mit großen roten Siegeln verschlossen war.
»Wo treffe ich den Burgemeister?« rief er in die Menge. Worauf es durcheinander schrie:
»Auf dem Rathause!«
Der Reiter sprang vom Pferde, warf einem der Nächststehenden die Zügel zu und stampfte zur Rathaustür hinein.
Die Ankunft eines Eilboten vom herzoglichen Hof in Dresden war etwas Außergewöhnliches und rief eine starke Spannung unter der Menge hervor. Niemand entfernte sich. Dafür drängten alle nach dem Rathaus hin, und einer gab dem andern seine Ansicht über den Inhalt des Schreibens kund.