Die Erwartung stieg immer höher. Und da eine geraume Zeit darüber hinging, bis die Neugierde gestillt wurde, schwoll das Stimmengewirr zum Lärm an.

Da erschallten plötzlich laute Rufe nach Ruhe. Aller Blicke richteten sich auf das Rathaus, wo der Burgemeister eben ein Fenster aufriß. Hinter ihm und an den andern Saalfenstern erschienen die Ratsherren.

Georg Waltklingers Gesicht war bleich vor innerer Bewegung; nur die Stirn zeigte sich von dem genossenen Wein leicht getötet. In der Hand hielt er ein großes Pergament mit herabhängendem Siegel.

Der Lärm auf dem Marktplatz verstummte augenblicklich. Aller Herzen klopften vor Spannung; man ahnte eine bedeutsame Kundmachung.

Waltklinger beugte sich weit aus dem Fenster und rief mit gewaltiger Stimme in das Schweigen hinein:

»Mitbürger, vernehmt die hohe Botschaft des Herzogs an seine treuen Landeskinder: Alle Kirchen der Stadt, den Dom dazu gerechnet, werden dem neuen Evangelium geöffnet! Von den Kanzeln und in den Schulen darf fortan nur die protestantische Lehre verkündet und das Abendmahl soll in beiderlei Gestalt gereicht werden!«

Der Burgemeister ließ das Blatt sinken. Kein Beifallsruf erscholl. Die Überraschung hatte die Zungen aller gelähmt.

Da rief er noch einmal:

»Bürgerschaft Meißens! Euer tiefes Sehnen während langer Jahre ist erfüllt. Die Botschaft bedeutet die Einführung der Reformation im meißnischen Sachsen! – Lang lebe Herzog Heinrich!«