Jetzt brach ein beispielloser Tumult aus. Alles schrie und jubelte durcheinander. Des Herzogs Name wurde immer von neuem gerufen. In manchem Auge standen Tränen. Die einen blieben stumm vor Rührung, andere umarmten sich oder warfen die Hüte in die Luft und stießen laute Freudenrufe aus. Ja man mußte sich's wiederholen, daß das Unglaubliche Geschehnis war: der Herzog hatte dem Lande die Reformation geschenkt!
Lange noch hielt der betäubende Lärm an, bis sich die Menge allmählich verlaufen hatte. Es gab aber kein Haus in der Stadt, in dem man während des Mittagessens nicht über das große Ereignis gesprochen hätte. Der heutige Tag war ohnehin ein Festtag. Durch die frohe Botschaft hatte er aber eine hohe Weihe erhalten!
Zwölftes Kapitel
Benedikt Biertimpel
Bald wurde die Einwohnerschaft wieder auf die Gasse gelockt. Der große Festzug der Bürgerschützen zog mit Trompeten- und Paukenschall vor das Jüdentor, allwo der Schießanger lag. Und die Menge hastete dem Zug hinterdrein.
Den kleinen Platz inmitten der Fleischgasse, der Hundewinkel genannt, schlossen lauter niedrige Häuser von gewinnendem Aussehen ein, bestehend aus Unter- und Oberstock. Eines von ihnen machte einen besonders freundlichen Eindruck. Es war frisch weiß gestrichen und mit einem hölzernen Spalier versehen, an dem sich edle Reben hinaufrankten, daß die grünen Weinblätter die ganze Vorderseite des Hauses bis zu dem moosbewachsenen Ziegeldach bedeckten. Das steinerne Türgewände stellte einen verzierten Rundbogen dar, in den hüben und drüben ein Sitzstein eingelassen war. Die Haustür war in der Mitte teilbar, die obere Hälfte stand tagsüber immer offen. Vor dem Haus befand sich ein schmales Gärtchen, das ein niedriger Lattenzaun einfriedigte.
Auf den Sitzsteinen saßen ein Mann und eine Frau. Sie waren beide alt und daher wohl dem Festtrubel abhold. Aber ihre Augen, mit denen sie die Vorübergehenden musterten, glänzten noch frisch.