»Ach, Gevatterin,« sagte der alte Mann, »mein Weib kann noch immer nicht vom Treiben der Jugend lassen. Natürlich mußte sie mit zum Festplatz ziehen.«

Dazu seufzte er so komisch, daß die Zuhörerin leise lächelte. Sie war seit langen Jahren die Nachbarin des Ehepaares und dessen Vertraute.

»Euer Weib ist eben noch lebenslustig, daran müßt Ihr denken, Gevatter. Eine so rüstige Sechzigerin wie sie …«

»Ja, ja, – wenn sie erst an die Siebzig kommt, wird sie's wohl auch lassen,« unterbrach sie der Alte kopfnickend.

Benedikt Biertimpel war seines Zeichens Löffelmacher, betrieb aber sein Handwerk schon seit Jahren nicht mehr. In der Jugend war er lange auf der Wanderschaft gewesen und hatte viel gesehen, so Prag und Wien. Auch nach Ungarn hinein war er ein Stück gekommen. Da war er wieder auf Schusters Rappen gestiegen, und der Wind hatte ihn quer über das liebe deutsche Vaterland hinweg bis nach Flandern getrieben. Von dort war er eines Tages heimgekehrt, aber nicht allein, wie er ausgezogen. An seiner Seite hatte sich ein blutjunges Frauenzimmer befunden, ein immer lustiges Ding, das sein vom Vater ererbtes Häuschen täglich fast auf den Kopf stellte.

Der gute Biertimpel war ein sinnierender Geselle und von langsamem, bequemem Wesen. Da brachte ihn sein junges Weib zuweilen höllisch in Trab. Sie fuhr wie ein Irrwisch umher, und zu keiner Minute war er sicher vor ihr. Als temperamentvolle Rheinländerin mochte sie es nicht leiden, wenn ein Mensch gemächlich war. So führte sie ein straffes Pantoffelregiment über ihren Biertimpel, worein er sich nach kurzem Widerstand ergeben hatte, und das er still seufzend erduldete.

»Ach, Gevatterin,« hob der allwege philosophierende Biertimpel redselig an, »nein, Gevatterin, Ihr könnt daher reden, was Ihr mögt, aber wir leben in einer verderbten Zeit! Denkt einmal nach, als wir jung waren, wie friedlich da alles zuging.«

»Aber Gevatter, Ihr dürft nicht denken …«

»Die Menschen sind es,« schnitt Biertimpel der Matrone gewandt das Wort ab, »die Menschen selbst, sage ich, verschlechtern die Zeiten. Wo sind die guten Tage der Einfachheit geblieben! Heute? Glanz, Pracht und Hoffärtigkeit!«

Die Zuhörerin fügte sich lachend in das aufgezwungene Stillschweigen. Wenn Meister Biertimpel also sprach – und dies pflegte er nie in Gegenwart seiner Frau zu tun –, dann war gegen ihn nicht aufzukommen. Also schwieg sie. So konnte Biertimpel sein Lieblingsthema gemächlich ausspinnen.