»Empfangt ihn, o Herrin; nun bin ich meines Auftrags ledig.«
Bebend griff das Mädchen nach dem teuern Liebeszeichen und barg es rasch in dem Täschchen, das ihr an der Seite herabhing.
»Ja Nürnberg war es,« erklärte der Spielmann, »wo Junker von Miltitz mich mit dieser Sendung betraute. Dort sollte sein Begleiter ein kostbares Geschenk für den Kaiser einhandeln. Ihr wißt, o Herrin, daß in dieser Stadt die weltberühmten Meister der deutschen Goldschmiedekunst ihr edles Handwerk betreiben. Bei einem derselben erstand er das Ringlein. Er war auf der Reise nach Worms; ich trug meine Fiedel gegen Wien. Da ward mir der Auftrag. Sein Vertrauen ehrte mich, und so wandte ich die Spitzen meiner Schuhe nach Sachsen.«
»Viel herzlichen Dank, wackerer Fremdling,« stammelte Sonnhild, »und als äußeres Zeichen meiner Erkenntlichkeit für Euern guten Dienst nehmt das.«
Während dieser Worte hatte das Mädchen von einem feingliedrigen, goldenen Kettlein einen Florentiner Dukaten genestelt, den sie auf der Brust trug.
»Nein, edle Jungfrau,« sagte er, mit der Hand wehrend und leise den Kopf schüttelnd, »nicht also. Schon dem Junker habe ich die Annahme einer Entlohnung verweigert. Denn er steht nicht in meiner Schuld, wohl ich aber tief in der seinigen. Hört meinen raschen Bericht, wie das gekommen.«
Und mit fliegenden Worten erzählte der Jüngling:
»Also zu Nürnberg war's, auf dem Marktplatz, just vor dem Schönen Brunnen, wo ich gerade im Begriff bin, mit dem ersten Bogenstrich, den ich in der Stadt tue, Zuhörer anzulocken. Ich war todmüde von der Wanderung. Magen und Beutel waren leer. Da entsteht ein wüster Tumult. Gedränge um mich herum und laute Rufe nach dem Dieb, der einer vornehmen Frau, wie mich die ausgestoßenen Worte belehren, ein zierliches Agnus Dei von Gold und blitzenden Steinen im Gewühl von der Brust gerissen. Das Getümmel wächst lawinengleich. Da schreit eine Stimme: Der Spielmann! Hundert Augen haschen nach mir, und im nächsten Augenblick dringt die erregte Menge auf mich Ahnungslosen ein. Rohe Fäuste fallen nieder und zerren mich nach allen Seiten. Der Landfahrer war's, kein anderer! Schlagt ihn tot, zerreißt ihn, den Hund! Ich fühle Grabesodem auf meinem Gesicht, und: Maria, du Gebenedeite! durchblitzt es mein Hirn. Da haften meine Augen verzweiflungsvoll auf zwei anderen, hoch über der Menge, die träumerisch blicken. Ich sehe, wie diese Augen erwachen und meine Todesnöte erkennen. Viel schneller, als ich's erzähle, drängt ein Reiter sein steigend Roß in das Getümmel, – ein schöner Jüngling, mit feinem und bleichem Antlitz.
›Vernunft, Leute!‹ ruft er, den Lärm übertönend. ›Die Bürger Nürnbergs, meine ich, werden keinen ohne Urteil richten!‹ Aber die Wut der Menge läßt den Einspruch abprallen. Schon dringt ein riesenhafter, wild aussehender Gesell auf mich ein und greift mit beiden Fäusten nach meinem Halse – da saust ein blankes Schwert flach auf seinen breiten Rücken nieder. Der Getroffene brüllt wie ein Hengst und wendet sich gegen seinen Angreifer. Der aber hat den Degen schon wieder emporgerissen und mit flammendem Antlitz und zornfunkelnden Augen beugt er sich weit über den Hals des Pferdes.
Elender! ruft er, wagt es, diesem ein Leid zu tun!