Ich war über diesen unerwarteten Empfang so verdutzt, daß ich verlegen Platz nahm und in einiger Verwirrung entgegnete, daß ich gern drei Stunden in seiner Gesellschaft verweilen wolle, aber die feste Zuversicht habe, ihn dann gesunder denn je wieder verlassen zu können, da mir die gute Farbe seiner Wangen, sowie sein frisches Aussehen überhaupt –

»Keine Widerrede! Lieber Abbé, ich sterbe ganz gewiß und bin so fest davon überzeugt, daß ich eine Wette von zehntausend Franken darauf eingehen würde, wenn ich nicht über mein gesamtes Vermögen vor einer Stunde bereits endgültig Verfügung getroffen hätte. Meine Vaterstadt wird mir dankbar sein.« »Und Ihre Verwandten?« wagte ich zu bemerken, nicht ohne die Befürchtung, seinen Zorn zu erregen. »Pah!« rief er und sah mich pfiffig an. »Glauben Sie, lieber Abbé, es mache mir Vergnügen, nach meinem Tode von den Flüchen dieser lieben Leute verfolgt zu werden, wenn ich nicht der Meinung wäre, daß es ihnen eine Wohltat sein muß, durch eine energische Anregung ihrer Galle einer allgemeinen Säfteverderbnis entgegenzuwirken, die schon manchem unheilvoll geworden ist?«

In diesem Augenblicke brachte der Diener eine Flasche Burgunder, und ich bat Herrn de P. sehr, doch ein Glas mit mir zur Gesellschaft und zu seiner Stärkung zu trinken.

»Nein, nein!« rief er da. »Der Wein könnte in diesem Augenblick nur meine Sinne verderben und abstumpfen. Ich bin schon genötigt, aus Liebe zur Wissenschaft dieses Opfer zu bringen. Ich möchte Sie aber bitten, lieber Abbé, nehmen Sie Ihr Notizbuch, damit wir sofort die ersten Anzeichen des beginnenden Todes protokollarisch festhalten können und nichts uns entgeht. Also schreiben Sie bitte: Am 17. April 1900, abends neun Uhr. Ohne sich beschwert zu fühlen von dem Gedanken des nahen Todes, gibt Patient im voraus an, in drei Stunden etwa zu sterben. Der Patient fühlt sich im allgemeinen wohl und wünscht allen Sterbenden die gleiche schmerzlose Ruhe und Gelassenheit.«

»Aber mein lieber Freund,« unterbrach ich ihn hier, »ich war der Meinung, daß es sich hauptsächlich um psychologische Feststellungen handeln solle. Wenn Ihre Beobachtungen aber physiologischer Natur sein sollen, täten Sie doch besser, einen Mediziner zu Rate zu ziehen?«

»Um Gottes willen nicht, Abbé!« rief er nun voller Verzweiflung. »Kommen Sie mir nicht mit einem Arzt! Ich bin sicher, nicht einmal diese drei Stunden mehr zu leben, wenn er die Stube betritt! Der Anblick eines solchen Mannes würde mich nervös machen und mir dadurch alle Ruhe rauben, die zur Selbstbeobachtung unbedingt nötig ist.«

Was blieb mir anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Überzeugt, daß er sich mit mir einen Spaß erlaube, wie er schnurriger kaum ausgedacht werden könne, nahm ich Papier und Tinte und machte die angedeuteten Notizen. Dann griff ich nach meinem Glase Wein und war nun entschlossen, den närrischen Kauz nicht weiter vom Sterben zurückzuhalten. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! sagte ich mir und fand die Situation komisch genug, um mich durch innere Heiterkeit für die verlorene Zeit schadlos zu halten. Wir plauderten nun eine ganze Weile, und nichts schien meinen Freund an den Tod zu mahnen, als plötzlich die Uhr schlug. Schreckensbleich wandte er sein Gesicht mir zu und flüsterte, kaum, daß der letzte Schlag verklungen war: »Notieren Sie: zehn Uhr. Ein ganz leichter Krampf stellt sich ein, die Atmungsbewegungen machen Schwierigkeiten. Das Herz fängt an, unregelmäßig und ruckweise zu schlagen. Aber der Sinn des Patienten bleibt ruhig und gefaßt!«

Ich notierte gewissenhaft und las ihm die protokollierten Sätze wieder vor.

Nach einigen Minuten schien er seine Fassung wiedergewonnen zu haben, so daß er die Unterhaltung, die sich um die Frauen gedreht hatte, wieder aufnehmen und in seinen Schmähungen über das zarte Geschlecht fortfahren konnte. »Alles Unglück der Welt«, philosophierte er, »kommt von den Weibern. Lieber Abbé, trauen Sie nie einem Frauenzimmer. Sie dürfen überzeugt sein, daß Treue und Weiberherzen die heterogensten Dinge der Welt sind.« Ich kann mich nicht mehr auf jedes seiner Worte besinnen, aber man kann sich ruhig darauf verlassen, daß alle auf diesen und ähnlichen Grundlagen aufgebaut waren.

Als dann die Uhr zum zweiten Male schlug, wiederholte sich der Vorgang von vorher, nur in noch drastischerer Weise. Er klapperte mit den Zähnen vor Angst, wie ein Verurteilter, der zum letzten Gang hinausgeführt wird, und war von dem Gefühl so beherrscht, nun nur noch eine Stunde zu leben, daß er mich mit angstvollen Augen anstarrte und dann ausrief, als die elf silbernen Schläge verklungen waren: »Notieren Sie, Abbé! Eine Stunde vor dem Tode: Eine Schwere nimmt allmählich alle Glieder gefangen. Atmung und Pulsschlag werden langsamer. Der Geist ist frischer als je, und nur auf der Brust lastet ein unerträglicher Druck!«