Natürlich tut Lange Rübe ganz selbstverständlich. Er beklagt sich über die Treppe und preist sein Glück, denn er hätte ein Bein brechen können bei dieser Gelegenheit, und das hätte er dann von seinem guten Herzen gehabt. Da aus diesen Ausrufen und Erklärungen nicht zu erkennen ist, was Lange Rübe mit den beiden prallen Säcken will, so fragt Tromba; Lange Rübe tut wieder selbstverständlich und erklärt, in denen sei doch das Bett; er habe gehört, daß der Herr Polizeihauptmann ein Bett brauche, und da er ein Bett überflüssig habe, so bringe er es ihm; der Herr Polizeihauptmann könne es behalten, so lange er wolle, bei ihm sei es nicht nötig, und er freue sich sehr, daß er dem Herrn Polizeihauptmann die kleine Gefälligkeit erweisen könne, als ein Ehrenmann dem andern.

Tromba denkt bei sich, daß Lange Rübe ja verdammt schnell wieder ein Bett gefunden hat, sein Gewissen ist beruhigt; einigermaßen ärgert er sich ja über die Frechheit, daß er es ihm gleich zeigen will, aber dann kann er ihm die Frechheit auch wieder nicht übel nehmen, denn Lange Rübe sieht zu komisch aus, wie er dasteht mit dem dummen Gesicht. Also erklärt er kurz, er brauche kein Bett weiter, er sei schon versehen. Lange Rübe entschuldigt sich, setzt die Mütze wieder auf und reibt sich das Bein. Tromba fragt, ob es noch sehr weh tue; Lange Rübe erzählt, daß er mit dem Schienbein gerade auf die scharfe Schwellenkante geschlagen ist, wie er die letzte Stufe nach oben steigt; er hat die Engel im Himmel pfeifen hören.

Tromba geht in die Stube, bringt eine Schnapsflasche mit einem Glas heraus und gießt Lange Rübe ein. Lange Rübe dankt mit einer höflichen Verbeugung, leert das Glas und stellt es Tromba wieder zu. Dann sieht er seine beiden Packen an.

Tromba versteht den Blick. Er gibt Lange Rübe die Weisung, daß er sich auf eine Treppenstufe setzt, dann legt er ihm die beiden Packen auf den Rücken; Lange Rübe erhebt sich, dankt von Herzen und geht die Treppe hinunter auf die Straße, wo ihn sein Freund mit der Droschke erwartet.

Als Frau Tromba wieder in ihr Fremdenzimmer geht, fehlt das Bett. Sie stürzt zu ihrem Mann und erzählt es ihm. Die Vorwürfe, die sie ihm macht, sind berechtigt. Daß die Gauner so frech sind, selbst den Polizeihauptmann zu bestehlen, das muß denn doch an ihm liegen. Bei einem anderen würden sie mehr Furcht haben. Tromba sieht ein, daß er den Zwischenfall mit Lange Rübe nicht erzählen darf, und in seiner Bestürzung weiß er gar nichts zu erwidern, sondern schweigt, indessen die Frau den Übergang zum Weinen macht.

Natürlich kann Tromba jetzt nicht noch einmal Haussuchung halten. Aber er hat auch die Aufsicht über die Gewichte und Wagen in den Kaufmannsläden. Deshalb schießen die Kaufleute zusammen und kaufen ihm ein Bett, und so sind denn nun alle Teile zufriedengestellt.

Die Sklavin

Von Heinrich Mann

Der Venezianer Benedetto Dolan war ein Trinitarier, er zerbrach die Ketten der Sklaven. Aber einmal brachte er aus der Berberei eine Sklavin mit, deren Kette konnte er nicht zerbrechen, weil er selbst darin gefangen war. Wie hat er sie lieb gehabt! In einem Saal seines Palastes am Großen Kanal schloß er sich mit ihr ein und verließ sie nie mehr. Es gab darin einen hohen, wunderbar geschmückten Sockel, auf den sie sich stellen mußte: ganz nackt, wie eine Statue; eine köstlich ziselierte Silberschale, in die sie sich legen mußte, ganz nackt, ähnlich einer Perle; und einen von erhabenen Bildern umzogenen Marmorsarkophag, auf dem sie sich ausstrecken mußte, ganz nackt, gleich einer Toten.

Wenn sie auf dem hohen Sockel stand, erreichte ihr Kopf mit den langen, langen Haaren die wunderschöne Fensterrose, die in der Mauer des Palastes ist. So kam es, daß man sie von draußen sah, von dem Seitengäßchen, das neben dem Hause herläuft. Und jedesmal sammelte sich das Volk und verlangte, die schöne Sklavin solle hinausgeführt und ihm gezeigt werden. Der Ritter verweigerte es. Aber da man hörte, sie sei übermenschlich schön, drohte in Venedig ein Aufruhr, und die Signori schickten ihre Abgeordneten zu Benedetto Dolan: er solle seine Sklavin hinausführen. Er verneigte sich und gehorchte.