Als die zurückfliehende, durcheinandergeworfene Menge von Freund und Feind an dem hohen Dünenwall ankam, bewirkte das schwerere, mühsamere Klettern, das manche Leute auch zu minutenlangem Stehenbleiben und Atemholen zwang, einige Besinnung. Und die die Flucht anhaltenden Rufe der schon vereint beieinanderstehenden Führer beider Völker fanden Gehör. Man rief und gab es weiter: »Jede Lücke des Dünenwalls verstopfen!«
Die Panzer wurden abgeschnallt und weggeworfen, die Schwerter wie die Schilde wurden zu ungefügen Schaufeln, die Äxte schlugen das niedere Dünengesträuch ab, damit es in die in rasender Eile aufgeschütteten Sandmassen zur Befestigung eingebaut würde.
Durch die fieberhafte Arbeit ging plötzlich ein Erlahmen und Anhalten. Der Flutberg hatte den weißen Strand erreicht, der in dem Wetterdunkel ganz fahl dalag, und stürzte seine Wassermassen aus schwindelnder Höhe donnernd herab auf den Sand, auf die Toten und Verwundeten, die weggeschleuderten Waffen und Beutestücke. Aber trotz der abstürzenden schäumenden Wasser, die von seinem Kamm herunterbrachen, schien er nicht im mindesten kleiner zu werden, wie er jetzt auf den Dünenwall zuwanderte.
Schon begann da und dort wieder die wilde Flucht weiter ins Land hinein. Scharen anderer standen stumm, fassungslos, todergeben, ohne sich zu regen, und starrten der hereinbrechenden Übergewalt entgegen.
Mit einem furchtbaren Anprall rannte der Flutberg gegen die Düne. Als er ihr auf hundert Schritte nahegekommen war, hatten die Leute erkannt, daß er wohl doppelt so hoch war wie die Sandmauer, deren Lücken zudem erst in ganz geringer Höhe verstopft und zugeschüttet waren. Da ließen auch die letzten, die dumpf vor sich niederblickend noch immer geschaufelt und gebaut hatten, die Hände sinken. Das Niederschütten der oberen Wassermenge über die Düne ins Land, das wie das Einschmettern von Millionen von Scherben klang, war das letzte, was ihre schon vom hereinrauschenden Wasserdruck betäubten Ohren hörten …
Von den beiden Völkern überlebten nur kleine, weit im Hinterlande wohnende Teile die Wasserkatastrophe. Sie hatten schon vorher etwas Ackerbau und Viehzucht getrieben und wurden nun ganz friedliche Ackerbauer. Die Küstenstriche, in welchen der eigentliche Sitz beider Volksstämme gewesen war, riß das Meer, das sie einander gestohlen haben sollten, und das mit seiner unachtsamen, die Netze entführenden Strömung den Krieg entfacht hatte, zerstört und verschwemmt in sich zurück, nachdem es furchtbaren Frieden gestiftet.
Heute ist dort die weite, tiefe Bucht von Hang-Tschu.
Rastrelli
Eine Anekdote aus Mitau
Von Herbert Eulenberg