Der italienische Graf Rastrelli, der einzige große russische Architekt, wie der boshafte Diderot bemerkt hat, ist auch der Erbauer des riesigen Schlosses zu Mitau gewesen, das Herzog Ernst Johann Biron auf der Stelle der alten Ordensritterburg errichten ließ. Ernst Johann hatte, da er noch seinen guten alten westfälischen Adelsnamen von Bühren führte, statt des parfümierten französischen Biron, den er sich erst als anerkannter Günstling der Zarin Anna zulegte, den Grafen Rastrelli auf einer seiner vielen Reisen kennen gelernt. Die beiden verstanden sich ausgezeichnet. Sie förderten einander wie zwei Brüder, die sich vertragen. In Mitau wie in Petersburg, wo Rastrelli, von Biron an die große Katharina empfohlen, die gewaltigsten weltlichen Bauten Rußlands, den Winterpalast und die kaiserlichen Schlösser von Zarskoje Sselo, entwarf. Das einzige, was sie zuweilen auseinander brachte, waren die zahlreichen Liebesabenteuer, in die sich beide mit einer bewundernswerten Unermüdlichkeit zu stürzen pflegten. Die Eifersucht plagte sie, wenn sie sich, was ihnen nicht selten zustieß, beide zu gleicher Zeit um die Gunst einer Schönen bewarben, ganz besonders. Wie zwei Rennpferde mühten sie sich dann, innerlich wütend aufeinander, ab, bis einer von ihnen zu seinem Triumph glücklich durchs Ziel gekommen war.
So wetteiferten sie einstmals um die Zuneigung einer reizenden jungen kurländischen Baronesse, deren Namen heute, wo derartiges natürlich nicht mehr vorkommt, verschwiegen werden darf. Eines Abends erschien der Graf Rastrelli, der sich über der Besichtigung seines Schloßbaues in der Zeit verguckt hatte, später als sonst vor der zarten Schönen, bei der der Herzog Biron indessen schon sein ganzes Süßholz abgeladen hatte. Rastrelli hatte in der Eile, mit der er zu der lieblichen Baronesse gestürzt war, seinen Anzug nicht beachtet, so daß er hinten auf dem Rücken seines blauen Rockes noch Spuren von dem weißen Mörtel trug, an den er beim Besteigen der Baugerüste mehrfach gestreift hatte. Die junge Baronesse meinte nicht anders, als daß er sich zu stark gepudert hätte, und versuchte lächelnd mit ihrem Fächer den Staub von seinen Schultern zu wehen. Herzog Biron aber, der die wahre Beschaffenheit der weißen Flecken sofort erkannte, bewitzelte die vergeblichen Versuche der Baronesse, sie zu entfernen, indem er boshaft bemerkte: »Bemühen Sie sich nicht, mein süßes Kind! Der Herr Graf trägt das Kennzeichen seines Berufes allzu deutlich mit sich.«
Rastrelli, der für diesesmal vollkommen bei der kleinen Baronesse ausgestochen war, ärgerte sich gründlich über die Geringschätzung, die ihm und seiner Kunst damit widerfuhr, und beschloß, sich zu rächen. Er erkundigte sich am nächsten Abend genau im Marstall des Herzogs, wann dieser vom Reiten, dem er mit größter Leidenschaft morgens und nachmittags oblag, zurückkäme. Dann machte er sich eine Weile bei den Gäulen zu schaffen und hob unbemerkt einen jener runden Gegenstände vom Boden auf, welche die Pferde ihrer Natur folgend zu verstreuen pflegen, und mit denen sich sonst nur die Stalldiensttuenden befassen. Im Vorzimmer der zarten Baronesse wartete er hierauf, bis Herzog Biron kam, und schmuggelte, da er sich nach der Art sehr vieler Italiener ein wenig auf Taschenspielerkunststückchen verstand, den besagten runden Gegenstand, indes Biron seinen Mantel ablegte, verstohlen in dessen braunseidenen Rock hinein. Vor der niedlichen Baronesse, zu der sie beide nun hineintraten, zeigte sich Rastrelli an diesem Abend von der besten Seite. Er glänzte wie ein feingeschliffener Diamant und wußte der Baronesse die geistreichsten Artigkeiten um ihren blonden Kopf zu schleudern. Herzog Biron, der sich ins Hintertreffen kommen sah, suchte schnell seinen vom langen Reiten etwas müden Kopf etwas aufzufrischen. Indem er nun hastig in die Tasche griff, eine Prise zu nehmen, was man damals für eine stets wirksame Anreizung der Gehirntätigkeit hielt, schlenkerte er gleichzeitig mit der Dose den besagten runden Gegenstand aus dem Pferdestall hervor. Und zwar zu seinem Unglück noch gerade auf den Schoß der jungen Schönen. Die zarte Baronesse wußte vor Entsetzen und schrecklichster Verlegenheit nichts anderes zu tun, wie ihr wohlriechendes Spitzentüchlein vor ihre Nase zu halten. Rastrelli aber, der die vergeblichen Versuche der Baronesse, die Lage zu verbessern, belächeln mußte, beugte sich zu ihr, indem er scherzhaft bemerkte: »Bemühen Sie sich nicht, mein süßes Kind! Der Herzog trägt das Kennzeichen seines Berufes allzu deutlich mit sich.«
Hiermit entfernte er so zierlich wie möglich den anstößigen Gegenstand aus ihrem Schoße. Man will wissen, daß sich das Herzchen der lieblichen Baronesse von diesem Augenblick für ihn entschied.
Der Schutzengel des Königs
Von Benno Rüttenauer
Als im Jahre 1789 am vierzehnten Juli zu Paris das unglaublichste Wunder geschah und die ungeheuren Mauern und Türme der Bastille dem anstürmenden Volkshaufen zum Opfer fielen, beherbergte diese symbolische Zwingburg des königlichen Absolutismus kaum noch ein halbes Dutzend Gefangene (darunter den Grafen Delorges, dessen Kerkerhaft gerade vierzig Jahre gedauert hatte); denn wie das Königstum erst, nachdem es schwach und wankend geworden, gestürzt werden konnte, so fiel auch die Bastille zu einer Zeit, da sie schon lange her kaum noch benutzt wurde. Und wie einige Wochen darauf, am Geburtstag der vielbeschrienen Menschenrechte, die hohe Aristokratie die besten Köpfe einer Bewegung zur Verfügung stellte, in deren Verlauf unzählige Aristokratenköpfe, gute und schlechte, mit grauenhafter Hast abgeschnitten wurden, so hat an diesem vierzehnten Juli das gemeine Volk, ohne viel zu denken, seinen Arm der verhaßten Sache des Adels geliehen; denn in die Bastille eingekerkert zu werden, gehörte ja eben zu den Privilegien der Aristokratie, die des Geistes mit eingerechnet. Der gemeine Mann verirrte sich in dieses Gefängnis der Mächtigen und Bevorzugten nur selten, nur in ganz außerordentlichen Fällen, wie etwa der einer war, wovon diese kleine Geschichte zu berichten hat.
Kaum ein halbes Dutzend Gefangene, wie gesagt, fanden die jubelnden Erstürmer in den dreimal vermauerten Gelassen der erschrecklichen Türme. Sie begnügten sich damit, die furchtbaren Riegel und Schlösser zu erbrechen; im übrigen hatte niemand Zeit und Muße, sich um die Befreiten weiter zu kümmern.
Ein interessanterer Gegenstand war dem Volk, das sich vom ersten Rausch der aufdämmernden Freiheit auch gleich bis zur sinnlosen Tollheit fortreißen ließ, der unbeugsam strenge Graf von Launay, der Gouverneur und Verteidiger der Festung, den die rasende Menge, trotz zugestandenem freien Abzug, auf der Stelle zu zerfleischen drohte. Den militärischen Anführern des Unternehmens, zwei braven Soldaten der Gardes Françaises (Hulin hieß der eine, der andere Hélie) gelang es nur mit Gefahr des eigenen Lebens, den Unglücklichen eine Strecke weit durch den tobenden Pöbel hindurchzuretten, bis er ihnen doch zuletzt auf dem Greveplatz entrissen und in schauerlicher Weise hingeschlachtet wurde. Ein Fleischermeister, namens Bourtas, spießte den zerhackten gräflichen Kopf auf die Bajonettspitze eines geraubten Gewehrs, gleich einer Trophäe, und hinter ihm her wälzte sich die Hefe der Pariser Bevölkerung, die Fischweiber der Markthallen voran, in grauenhaftem Jubel durch die Straßen der inneren Stadt, während andere Haufen, nicht so sehr lüstern nach Blut als nach weniger symbolischen Dingen, in der erstürmten Bastille raubend und plündernd zurückgeblieben waren.
Die Gefangenen aber hatten sich inzwischen längst unbeachtet verloren. Nur ein zitternder Greis in schwarzem Tuchrock, mit ergrautem Haar und wirrem Bart, saß noch auf einem Prellstein des inneren Tors und rührte sich nicht von der Stelle.