Um ihn versammelte sich bald ein Häufchen Neugieriger von der gemütlicheren Sorte; doch blieben all ihre Fragen nach Namen und Herkommen vergeblich. Der Alte stierte die Umstehenden verständnislos an und legte nur manchmal geheimnisvoll den Finger auf die Lippen. Zwei- oder dreimal murmelte er etwas in den Bart und blickte dabei ängstlich und scheu um sich her. »Was sagt er?« fragten die Hintersten und drängten sich näher. »Er sagt: Der König ist in Gefahr,« erklärte ein hübsches, junges Weib. Darüber brachen einige in rohes Lachen aus; und man gewann allmählich die Gewißheit, daß man es mit einem Verrückten oder wenigstens ganz in Stumpfsinn Versunkenen zu tun habe. »Kinder und Narren sagen die Wahrheit,« meinte ein buckliger Schneider; »der gute Trottel scheint mir kein schlechter Prophet.«
Dennoch handelte es sich nicht um eine Prophezeiung, sondern um eine Erinnerung.
Dieser Unglückliche war einst ein wohlhabender Lyoner Kaufmann mit Namen Marcel Larousse, und im Winter 1756, kurz vor Neujahr, war dieser Herr Larousse, mit Zurücklassung einer hübschen Frau und zweier Töchterchen von sieben und neun Jahren, in Geschäften nach Paris gekommen, wo gerade der Streit zwischen König und Parlament eine Verschärfung erfahren hatte, die ernstliche Konflikte befürchten ließ. Herr Larousse kam just an dem Tage in Paris an, da auch der König in seiner lieben und getreuen Stadt erschienen war, um im Justizpalast ein feierliches Lit de justice abzuhalten, das bekanntlich einen recht bedenklichen Ausgang nahm. Der gute Kaufmann aus der Provinz konnte sich vor Erstaunen nicht erholen, als er sah, wie der König mit besonders pomphaftem Gefolge und im offenen Wagen an einer kalt gaffenden Menge vorüber, die den Quai der Goldschmiede und die Sankt Annenstraße füllte, seinen Einzug ins Parlament hielt, ohne daß auch nur der schüchternste Ruf »Es lebe der König« laut wurde.
So erkaltet war in diesem Augenblick die Stimmung des Volkes gegen diesen König, den man nicht ohne Arg den Vielgeliebten nennen durfte, und der nun schon einen Mordanfall brauchte, um die alte Liebe der Pariser für ihn noch einmal auflodern zu sehen. Und dieses Attentat (Könige haben manchmal ein unglaubliches Glück) stellte sich wahrhaftig, wie auf Bestellung, ganz zur rechten Zeit ein.
Und folgendergestalt kam Herr Larousse in Zusammenhang damit. Ihn hatten seine Geschäfte über Neujahr hinaus in der Hauptstadt festgehalten, und als er am vierten Januar von einer Einladung bei seinem Geschäftsfreund in später Nacht nach seiner Herberge kam und, infolge ungewöhnlichen Weingenusses und seiner lebhaften Gedanken an das freudige Wiedersehen mit Frau und Kindern, stundenlang nicht einschlief (er mußte sich immer wieder vorstellen, wie sich seine Frau über den Federnhut und den Spitzenfächer freuen werde, die er am Nachmittag eingekauft hatte): da hörte er plötzlich hart an seinem Ohr deutliches Stimmengeflüster. Er horchte auf und verstand auch bald einige abgerissene Wörter und Sätze, die aber lange ohne Sinn und Zusammenhang für ihn blieben, so daß er sehr ärgerlich wurde, weil er noch weiter an dem nötigen Schlaf gehindert sein sollte. Dennoch konnte er sich nicht enthalten, das Ohr zu spitzen und weiter zu horchen.
»Du wirst im letzten Augenblick den Mut verlieren,« sagte jetzt drüben eine Stimme.
»Das Bild der allerheiligsten Jungfrau, das ich auf der Brust trage«, antwortete die andere Stimme, »wird mir die Kraft geben.«
»Wie willst du ihm aber so nah kommen?«
»Er besucht jetzt fast täglich spät am Nachmittag seine Tochter, die Gräfin von Provence, die krank sein soll, und kehrt erst in der Dunkelheit zurück.«
»Bei der jetzigen Kälte wird er gut eingemummt sein, und du wirst dein Leben umsonst wagen.«