»Mein Dolch ist lang und scharf.«

»Und wenn er nun auf Wochen hinaus das Trianon nicht verläßt?«

Wie ein greller Blitz schlug das letzte Wort in das Bewußtsein des Kaufmanns. Also ein Mordanschlag auf die geheiligte Person des Königs!

Und ihn also hatte Gott zum Schutzengel des Königs bestellt. Darum hatte er ihn so lange den Schlaf nicht finden lassen.

Nun suchte er ihn schon nicht mehr, obwohl es drüben still geworden war. Die ganze Nacht hindurch überlegte der gute Kaufmann, was er tun könne, um das Komplott unschädlich zu machen. Plan um Plan durchdachte er; und einen nach dem andern verwarf er als unpraktisch oder gar gefährlich. Erst gegen Morgen kam er zu einem Entschluß, fest überzeugt nun, daß dieser Schritt der sicherste sei. Er hatte nämlich beschlossen, sich in aller Frühe zu Herrn von Berryer zu begeben, der als Leutnant des Königs der Pariser Kriminalpolizei vorstand.

Schon kurz nach sieben meldete sich der Kaufmann an der Wohnung des Polizeileutnants. Seine Gnaden, sagte man ihm, sei vor elf Uhr nicht zu sprechen. Aber der Kaufmann ließ sich so leicht nicht abweisen. Er komme in einer dringlichen Sache, die Herrn von Berryer persönlich angehe. Da fragte ihn der Lakai nach Stand und Namen und ließ ihn warten.

Ob dieser Lakai nun seinen Herrn von dem Begehren des Fremden wirklich benachrichtigt, oder ob er dem Kaufmann nur eine kleine Komödie vorgespielt hat – kurz, er kam nach einigen Minuten zurück mit dem Bescheid: Der Herr Polizeileutnant lasse Herrn Larousse bitten, ihm, wenn es möglich sei, um elf Uhr die Ehre zu geben. Larousse begab sich nun in das benachbarte Café Procope, dessen literarische und sonstige Stammgäste zu dieser Stunde noch schliefen. Dort ließ er sich eine Schokolade und dazu Tinte und Feder geben und verfaßte mit großer Sorgfalt einen Brief an Herrn von Berryer, da ihm schwante, daß er auch um elf Uhr nicht vorgelassen werden könnte. »Euer Gnaden, der König ist in Gefahr,« so begann der Brief und erzählte darauf Wort für Wort das erlauschte Gespräch.

Herr Larousse hatte richtig geahnt; als er wenige Minuten nach elf im Vorzimmer Seiner Gnaden erschien, hieß es, der Statthalter des Königs sei augenblicklich von wichtigen Geschäften in Anspruch genommen. Den Brief des Kaufmannes aber wollte der Lakai gerne abgeben. Umsonst erwartete Herr Larousse danach, zur näheren Auskunft vorgelassen zu werden. Eine Stunde verging, es vergingen zwei, es vergingen drei Stunden, worauf man dem Kaufmann bedeutete, Herr von Berryer sei plötzlich in einer dringlichen Angelegenheit ausgefahren und heute nicht mehr zu sprechen. Ob Seine Gnaden den Brief gelesen hätten, wußte der Lakai nicht zu sagen; der Kaufmann aber zweifelte nicht daran, denn sicher bestand zwischen der Lektüre des Briefes und der plötzlichen Ausfahrt des allmächtigen Polizeileutnants ein ursächlicher Zusammenhang. Dabei beruhigte sich Herr Larousse, und da etwas vor fünf die Lyoner Post abging, wofür er sich am Vorabend bereits einen Platz gekauft hatte, nahm er in aller Eile einen Fiaker und fuhr (sein Felleisen hatte er in der Frühe schon hin befördert) nach der Posthalterei von St. Severin nah beim Justizpalast, wo er gerade ankam, als der Postillon das letzte Signal zur Abfahrt blies, während in der Kutsche die Reisenden in dicken Mänteln sich zurechtrückten, und der Stallbursche mit krummen Knien im Schnee stand und heftig die Arme übereinanderschlug, um sich gegen die Kälte zu wehren.

In der Vorstadt von St. Anton schlug die Uhr das erste Viertel nach Fünf, als der wackelige Postkarren, an der Bastille vorbei, über den knirschenden Schnee rollte, dem Tor von Vincennes zu. Trotz der beißenden Kälte ließ es sich der junge Postillon nicht nehmen, das finstere Staatsgefängnis drüben, das bei der hereinbrechenden Nacht sich nur unbestimmt vom schwarzen Himmel abhob, auf seinem Horn mit einer lustigen Weise, wie er immer pflegte, neckisch zu begrüßen, indessen im Innern der Kutsche Herr Larousse, gehoben von dem stolzen Gefühl, den König gerettet und dem Vaterland still und bescheiden einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben, sich aufs neue dem beglückenden Vorgenuß eines zärtlichen Wiedersehens hingab. In derselben Viertelstunde aber geschah draußen in Versailles die Tat, die den guten Parisern, trotz aller Verstimmung gegen den König, so entsetzlich schien, daß zuerst niemand daran glauben wollte.

Der König, der zu dieser Zeit das Trianon bewohnte, war um vier Uhr nachmittags nach dem Schloß gefahren, um seinen beiden Töchtern, deren eine, die Gräfin von Provence, etwas kränkelte, einen Besuch abzustatten, wie er fast täglich zu tun pflegte. Genau ein Viertel nach Fünf verabschiedete er sich von den Prinzessinnen. Er nahm beim Herabsteigen die kleine Treppe, da er fast ohne Gefolge war. Zwei Fackeln wurden ihm vorgetragen. Als er, unten angelangt, schon den Fuß erhoben hatte, um in den Wagen zu steigen, sah sich der nächststehende Oberst der Leibwache plötzlich mit einem Ruck auf die Seite geschoben, und der König fühlte etwas wie einen Faustschlag auf der linken Brust. Er fuhr nach der Stelle und griff in Blut. »Ich bin ermordet,« rief er, »haltet den Täter!« Der war schon ergriffen: ein großer, starker Mann in schwarzem Anzug mit einer Beutelperücke auf dem Kopf.