Marguérite winkte matt mit beiden Händen, er möge aufhören.
»Laß – – laß, Starkblom. Ich will mit dir sterben – oder leben, wie du willst. Aber schweig jetzt, ich bitte dich. Ich kann – nicht mehr.«
Und sie lehnte sich müde zurück und schloß die Augen. Starkblom trat ans Fenster und sah starr hinaus. Dann drehte er sich um und schaute sie lange an. Ein Zittern überkam ihn. Er wandte sich wieder ab und zwang sich, auf die Bäume gegenüber zu blicken und hinauf zu den Wolken. So verblieb er lange.
Endlich fuhr sich Marguérite leicht mit der Hand über die Stirn, als wolle sie einen Traum verscheuchen. Dann ballte sie eine Faust und fuhr energisch mit dem Arm auf und ab. Sie konnte sich wieder beherrschen. Sie ließ ihre Blicke im Zimmer schweifen. Auf einem kleinen Tischchen lagen Bücher und Zeitschriften ungeordnet durcheinander. Dicker Staub lag darauf. Sie trat näher und malte gedankenlos Zeichen und Buchstaben auf die Bände. Dann nahm sie eines der Bücher in die Hand und schaute nach dem Titel.
»Ah!« sagte sie freudig.
»Was haben Sie Schönes?«
»›Also sprach Zarathustra‹ von Friedrich Nietzsche. Ich habe es nie in die Hand bekommen, aber viel davon gehört. Ich möchte es kennen lernen.«
»Sie kennen es nicht? Alle Achtung vor Ihnen. Lernen werden Sie nicht mehr viel von ihm können. Aber die Sprache! die Sprache. Es ist ein wundersames Buch. Geben Sie her. Ich will Ihnen einiges davon zeigen.«
Er nahm ihr das Buch aus der Hand, setzte sich, schlug aufs Gerathewohl auf und fing an vorzulesen. Nun las er einen Abschnitt nach dem andern, immer noch einen. So beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne allmählich. Sie sprachen dann noch lange, Tiefes, auch Gleichgiltiges. Später gingen sie spazieren und setzten sich ins Grüne. Marguérite erzählte viel von ihrer Jugend, von den mancherlei Menschen, mit denen sie zusammengetroffen. Sie hatte viel zu erzählen und berichtete ohne Scheu. Von ihren letzten Lebensjahren schwieg sie indessen.
Abends sagten sie sich ziemlich früh und ziemlich zurückhaltend, fast ceremoniell Gute Nacht, und Marguérite begab sich in das Fremdenzimmer, das seit Starkblom da wohnte, noch nie benutzt worden war. Sie schaute noch ein wenig zum Fenster hinaus und ließ sich von der Nachtluft abkühlen, dann legte sie sich ins Bett und kreuzte die Hände unter dem Kopf, wie sie zu thun pflegte, wenn sie noch nachdenken wollte. Den ganzen Tag über war es ihr immer von Zeit zu Zeit so gewesen, sie müsse an etwas denken, sie dürfe es nicht vergessen, und jetzt wollte sie sich besinnen. Aber ehe sie noch so weit war, zerflatterten ihre Gedanken in wirres Träumen, und sie schlief ein.