Starkblom aber saß lange noch auf seinem Bett und brütete vor sich hin. Sollte er vergnügt sein und ausgelassen wie ein tolles Kind oder sollten sich ihm die Gedärme vor Ekel über sich selber im Leibe herumdrehen? Er wußte es wahrhaftig nicht. Er hatte die Kniee in die Höhe gezogen und stützte seinen Ellbogen darauf und hielt seinen Kopf. Er blickte starr, mit zusammengekniffenen Augen und gepreßten Lippen. Es fiel ihm nicht ein, sich zu wundern, sein Schicksal erfüllte sich, das war die natürlichste Geschichte von der Welt. Und dann auf einmal hielt es ihn nicht mehr, es drückte etwas von innen gegen die starre Wand seines Mundes und er platzte laut heraus und lachte hell auf und schlug mit der flachen Hand klatschend auf seinen Schenkel. Freilich lachte er sich aus, aber eine jugendliche Freude war auch dabei, und weil er das herausfühlte, mußte er nur immer mehr und immer wieder lachen und losplatzen. So ein Narr! So ein Narr!

Und dann kleidete er sich rasch aus und legte sich ins Bett und löschte das Licht. Er warf sich ein paar Mal hin und her, dann schloß er die Augen fest und blieb ruhig liegen. So, jetzt wird geschlafen, verstanden? Aber Starkblom wollte nicht verstehen. Er kicherte wieder ein wenig. Dann öffnete er die Augen weit und sah lange zur Decke empor. Und als ziehe ihn etwas in die Höhe, richtete er den Oberkörper auf, winkte mit der Hand in die Luft, und sagte mit vernehmlicher Stimme: »Gute Nacht, Marguérite! – Gute Nacht, liebe Marguérite!« Dann legte er sich wieder ruhig hin und lächelte müde. Und nun kamen ungeordnet aufgeregte Träume und lösten sich in wirrer Reihenfolge ab, bald mit offenen, bald mit geschlossenen Augen. So verbrachte er den größten Teil der Nacht, hin- und hergeworfen von der Unruhe und ohne Müdigkeit. Es war, als habe er die dunstige Nebelhülle, in der er sonst sich so wohlig geborgen und so gut und tief geschlafen hatte, mit eins verloren. Es war so unheimlich klar in seinem Kopfe bei allen fürchterlichen und thörichten Träumen, die rastlos hin- und hergingen, und die Augen waren so kühl und wollten nicht geschlossen bleiben, es war ganz selbstverständlich, daß er nicht schlafen konnte, er hatte gar keinen Grund zum schlafen. Erst spät am Morgen duselte er ein wenig ein.

Auch die nächsten paar Tage lebten sie ruhig und idyllisch neben einander hin. Sie lasen, plauderten, gingen spazieren und lagen im Grünen. Im übrigen hielten sie sich scheu zurück und wollten an das andre nicht mehr denken. Marguérite war es eingefallen, was sie nicht vergessen dürfe, aber sie wollte nicht daran denken. Es wird sich schon finden, es wird sich schon finden. Sie wollte sich gehen lassen.

Starkblom aber ließ sich treiben, wie vom Sturmesbrausen. Er konnte nicht mehr zurück. Er konnte sich nicht mehr halten. Es war über ihn gekommen. Er mußte es vollenden. Hinein in die Flut, nur hinein – Wer weiß? – Ja, wer weiß!

Eines Abends, als sie auseinandergehen wollten, um zu schlafen, legte Starkblom seine zitternde Hand auf ihre Schulter. Seine Kniee bebten. Und mit verzerrtem blutleerem Gesicht und brennenden Augen bemühte er sich in ruhigem Ton zu sagen:

»Marguérite, wir müssen die Konsequenz ziehen: warum nicht?«

Sie sah ihn mit entsetzten Augen an: »Du willst sterben? Jetzt?«

Da schrie er laut auf und brüllte:

»Lüge nicht, Marguérite, lüge nicht! Sterben?! Wer denkt ans Sterben? Leben will ich! Dich! Dich!«

Seine Stimme hatte sich überschlagen und knickte ab. Dann fügte er ruhiger, fast feierlich hinzu: