»Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich.«
»Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das zu schreiben.«
»Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich. Manchmal eine Zeile, manchmal ein halbes Buch. Wie’s kommt. Nun denn –«
»Lieber Hans, leb wohl,« sagte Marguérite leise und schickte sich an sich zu ihm zu beugen. Hans aber trat einen Schritt zurück und blitzte sie mit seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er mit leicht bebender Stimme:
»Nein, Marguérite, was du zum Empfang verfehlt, machst du zum Abschied nicht wieder gut. Jetzt will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht. Ich erinnere mich noch zu gut – weißt du. Also, na denn, adieu!«
Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals leicht zu, dann nahm er seinen Hut und ging rasch zur Thüre hinaus. Man hörte noch, wie er im Gang und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann reichten sich Karl und Marguérite die Hände und schauten sich verlegen lächelnd an.
Endlich sagte Marguérite leise:
»Hätten wir nicht doch lieber – Nein, es geht nicht. – Liebst du die Einsamkeit?«
»Ob ich die Einsamkeit liebe?« brach Karl mit starker Stimme aus. »Ich hasse sie. Aber ich brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und schreiben und schreiben und schreiben und dann sich mit dem Drucker herumzanken, Korrekturen lesen – glaubst du wirklich, das sei das Leben, das mir innen in meiner Seele vorschwebte, als ich wieder anfing ein Mensch zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild werd’ ich nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen schon immer sah: Ein mächtig zusammengedrängter Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und ich mitten drin und doch über ihm als Redner und Sänger und Prophet und Führer. Ach, was ist das für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir hineingefallen sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum. Auch jetzt, wenn ich schreibe, wo ich reden und singen und jubilieren möchte – aber auch jetzt – ich wende mich immer an Menschen, die ich nicht sehe, ich ahne, zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein, die mich hören – aber ich kenne sie nicht, ich habe sie nie gesehen. Was ich sehe von den Menschen und ihren Einrichtungen und ihrem Gebahren – das glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du, ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und winden können vor Widerwillen, daß mir das Innerste nach außen gekehrt würde. Aber ich will nur – die Kraft habe ich nicht.«
Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer Stimme fort, indem er ihre Hand faßte.