»Jetzt ahnst du vielleicht, Marguérite, was du mir bist. Seit ich lebe, der erste Mensch, vor dem mir nie geekelt hat; was du auch begannst und was wir auch zusammen thaten, es war mir immer natürlich und immer schön und ich glaube, so wird es bleiben. Aber weißt du, was das heißt und was du mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich leben kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht mehr jung genug für die Einsamkeit. Ich möchte einen Kreis von Menschen um mich haben – ach, ich bin ja so bescheiden geworden – an Millionen und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will ich ja nicht mehr denken, ich verzichte auf die Tausende, daß ich hundert finde, ich kann’s nicht glauben, aber zwanzig Menschen vielleicht, die mir anstehn, die möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen, mit denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben kann, die aus aller Herren Länder sich um mich finden zu persönlichem Verkehr – zwanzig Menschen, in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im Ekel verzerren müssen – ist das zu viel verlangt, Marguérite?«
Sie drückte seine Hände stärker.
»Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach dem andern. Hans?«
»Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Ich dachte eben an ihn. Ich glaube, ich habe ihn recht verstanden, und ich meine, ihn müßte ich immer gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder. Vielleicht. Daß er jetzt ging, ist doch gut. Nicht, Marguérite? Fürs erste brauchen wir ihn wirklich noch nicht.«
Dabei lächelte er.
»Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst du noch nicht zur Ruhe gehen?«
»Geh nur voran einstweilen, Marguérite. Aber öffne vorher die Fenster, beide. Dann will ich noch ein wenig hier allein bleiben und vielleicht fange ich schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluß unten rauscht und die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt und der Wald der tausend Bäume harmonisch ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem Zuruf, und die Natur habe ihre Sinne geöffnet und sei eins mit uns Menschen. Ich danke dir, Marguérite. Einstweilen gute Nacht.«
Marguérite ging leise aus dem Zimmer, und Karl Starkblom stellte sich ans offene Fenster und schaute lange ins Dunkle und auf die winzigen in der Ferne zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine Hand hinaus ins Freie.
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