Utopien
von
Karl Starkblom.

Meiner lieben Frau und dem kommenden Kinde gewidmet.

Ich erkläre es feierlich und wie ich hoffe vor Zeugen:

Ich habe mich nicht erschossen noch sonst irgendwie ums Leben gebracht. Und ich werde mich nicht erschießen oder sonst mir den Tod bereiten, solange ich noch Lebenskraft in mir fühle, Lust zu wirken und zu genießen.

Eine Frau ist zu mir getreten früh morgens im Sonnenschein. Sie hat im weiten Kreis den Arm bewegt und hat mir die tauglitzernde Welt erschlossen. Sie hat mir gesagt, es sei etwas herrlich schönes ums Leben und im Nu habe ich dasselbe empfunden. Ich liebe das Leben und ich liebe dich, Marguérite. Und sie wird mir ein Kind gebären und wir werden beisammen bleiben. Wir werden gewiß noch lange nicht sterben.

Meint ihr, ich sei auf eure Weide heimgekehrt, ihr grasenden Bürgerseelen? Frohlockt ihr über das verirrte Schaf, das spät in der Nacht doch noch den Weg zum Stalle gefunden und nun mit freudigem Meckern zu seiner Krippe springt?

Fürwahr, ich will eure Schafställe und Heuschober euch anzünden, daß die Funken sprühen und ein loderndes Feuerwerk gen Himmel prasselt. Ihr Erbärmlichen, was wagt ihr zu leben neben uns wenigen, die das Leben in Schmerzen begriffen haben? Euer Dahinkriechen, wäre das der vielberufene aufrechte Gang? Eure kleinen Freudlein, wäre das der Jubelbraus des Daseins? Glaubt ihr, eure Zahnschmerzen (denn das sind doch die heftigsten eurer Kümmernisse), die machten euch das Leben verständlich? Ihr saftlosen Lauwarmen, ihr wißt ja nichts von der Kälte der Todesnähe und von der siedenden Glut des neu schießenden Lebens. Geht mir weg! Geht weit weg. Bleibt hinten, denn ich will vorwärts blicken und heiter jauchzen und lachen.

Ich würde mich dennoch erschießen und qualvoll verzerrten Gesichtes dies schöne, ja dies schöne Leben lassen. Es würde mich nicht dulden auf Erden. Nicht eine Stunde mehr. Ja auch jetzt ersticke ich schier und werde zerrissen von dieser entsetzlichen Qual und Schmach. Ich würde mich töten, wenn ich meinen Glauben nicht hätte.

Euch also will ich fragen und mit meinen Blicken bohrend anstieren, ihr Skeptiker und ihr Unmoralischen, die ihr mit mir geht auf einsamer Höhe so manchen Weg und so manche Verneinung: Wie könnt ihr leben? Wie ertragt ihr es, trotz eurer Fähigkeit schön zu genießen, nicht längst von eigener Hand gestorben zu sein? Und ich frage euch, so ungern und zögernd ich euren Namen in den Mund nehme: ich frage euch, ihr Christen, wie ertragt ihr es, da zu sein in Freude und Wohlleben? Ihr einen habt gar keinen Glauben, und ihr andern habt keinen irdischen Glauben – ich frage euch und ich beschwöre euch: antwortet mir und sei es nur stammelnd: ihr wißt, worauf euer Leben und eure Behaglichkeit ruht, euch ist bekannt, daß Millionen armselig vegetierender Sklaven für euch arbeiten und euch ermöglichen, so da zu sein wie ihr da seid – wie könnt ihr das Leben ertragen? Ihr Skeptiker, ihr seid keine Löwen, lüget nicht, ihr seid nicht Unmensch noch Übermensch, ihr glaubt nicht, daß das zu ändern sei, ihr meint ehrlich zu wissen, daß das Elend und die Erbärmlichkeit unausrottbar ist und ihr schämt euch nicht, daß ihr lebt? Ihr schämt euch nicht eurer Freuden und des hohen Genusses eurer Geistesschmerzen? Ihr ertragt es zu leben? Das frage ich wieder und immer. Und ihr – ihr – nun, sei es denn nochmals gesagt, ihr Christen, ihr tragt blendend weiße glänzende Wäsche an eurem Leib, die ihr nicht verfertigt und ihr nicht gewaschen, ihr klimpert in der Tasche mit güldnen Dukaten, ich sage nicht, die ihr nicht verdient, ich sage nur, die andern mangeln, ihr seht Not und Elend in millionenfacher Masse aufgetürmt, ihr seht Schmutz und Unrat, durch den ihr nicht waten müßt, ihr seht Schweiß auf Stirnen, den ihr nicht schwitzet und ihr nicht einmal abwischen könnt, und euch duldet es so zu leben wie ihr lebet? Wahrlich wäre ich Christ und glaubte an das Himmelreich und glaubte, daß Not und Kummer unabwendbar von Gott gefügt sei in diesem Jammerthal – ich wollte mein redlich gewogenes Teil Not und über und über gehäuften Kummer, ich wollte Sklave sein und mich abrackern und stöhnen und hungern und wäre ich unter den Ärmsten, so wollte ich immer noch tiefer, tiefer hinab zu den Elendesten und Jammervollsten. Ihr aber seid Herren und ihr könnt es? Ihr eßt Braten und Kuchen und ihr erstickt nicht? Ihr seid sauber und andrer Schmutz frißt sich nicht tief in euer Fleisch? Ihr habt einen Pfennig mehr als der letzte Knecht und er brennt euch die Seele nicht ab? Ihr lebt? ihr genießt? und andre sterben vor Not? Ihr atmet leicht und tief in eurer Sommerfrische und andre quält die lungenfressende Sucht in dumpfem Kellergelaß? Das vermögt ihr? Ihr ertragt es zu leben? Jetzt, Sprache, das Wort! Das rechte Wort. Ich finde es nicht. Ich ringe und suche – o ihr Schufte! Ihr Jammerseelen! Ihr – ihr, ihr Lumpe! Ihr – ihr Gesindel!