Und damit speie ich euch weit von mir, ihr Namenlosen; seit urlanger Zeit zum ersten Mal habe ich nicht über euch weggesehen; jetzt aber seid ihr mir wieder tot. Tot? Nein. Ich atme das Wort schnell wieder in mich zurück. Der Tod ist zu gut, um euch verdauen zu können. Das Auge sieht euch nicht und kein Ohr vermag euch zu hören; Menschenzunge und Gaumen weigert sich euch zu schmecken. Unfaßbar seid ihr und nicht zu begreifen; aber ein Gestank herrscht überall; nicht auf der Erde, nicht im Wasser noch in der Luft; im Feuer lebt ihr so wenig wie Feuer in euch. Ein namenloser, wesenloser Gestank – das seid ihr mir.
In recht schlechte Gesellschaft habe ich euch gebracht, meine geliebten Skeptiker und Unmoralischen. Aber solltet ihr es nicht etwas um sie verdienen? Gewiß, auch ihr seid mir ein wenig anrüchig. Denn ihr lebet und thätet besser zu sterben. Und das sage ich euch in Liebe und aus Erbarmen. Nervöse Schwächlinge seid ihr und wollt doch auf eure Schultern laden, was Tyrannen und Riesen aus eherner Vorzeit und wilder Renaissance nicht vermocht hätten. Ihr seid nicht blind, aber ihr könnt es nicht sehen. Ihr seid nicht taub, aber ihr könnt nicht davon hören. Von der unteren Schichte nämlich. Ihr glaubt sie ewig und unabweisbar – aber man soll euch in Ruhe lassen. Wie reimt sich das? Sie pocht an eure Thore und läßt sich nicht abweisen. Und wenn die untere Welt, wie ihr sagt, nicht gehoben werden könnte, dann würde doch die obere zerstört werden müssen. Ihr würdet wahnsinnig werden, nicht Einzelne, nein, ihr Alle würdet dem Irrsinn verfallen, bis ihr doch endlich euch zum Sterben entschlösset, verrückt machen würde euch das ewige immer verstärkte Klopfen und Scharren und Schreien und Tosen. Meint ihr, das könnte je wieder enden? Der Glaube wäre kindisch. Wer nicht mehr an den Vater im Himmel und ans ewige Leben und die gerechte Vergeltung glaubt und doch elend ist wie er nicht sein möchte, der hört nicht auf mehr zu rebellieren und müßte die Erde darüber in Trümmer fahren. Wer nicht an das Jenseits glaubt und nicht im Fette sitzt – und die werden bald alle nicht mehr daran glauben – der glaubt an die Erde und an die lebendige Freude und an die werdende Schönheit. Das bleibt und kommt immer wieder und klopft und zertrümmert – bis die Stätte zurecht gehauen ist, wo alle im Geiste zu leben vermögen – weil nämlich der Körper und sein Leben und seine Pflege selbstverständlich geworden ist.
Und jetzt, meine skeptischen Freunde, jetzt habe ich euch, wo ich euch wollte. Schon lange sehe ich auf euren Lippen das sichere Lächeln eines trefflichen Einwandes. Erhebet eure Stimmen, nur zu! Was wollt ihr mir entgegenschleudern?
Aha – allerdings, das, gerade das habe ich erwartet. Ihr sagt mir, ich sei wieder zurückgegangen, ein roter Krebs sei ich wieder geworden und die Utopie, die ich eben gezeichnet, die habe ich früher schon in prächtigen Farben gemalt und doch wieder weggewischt mit dem Schwamm des Todes. Dies Reich der Freiheit, der graziösen Leichtigkeit der Bewegung, dies Reich der Schönheit und des trunkenen Fluges – das sei das Reich der Philosophie; in jener Welt, die freilich möglich sei, müsse die grinsende Frage herrschen: wozu das Ganze und nochmals wozu? und keine Antwort gebe es, ewig keine. Und der Massentod der Menschheit sei es, der nun kommen müsse, kommen mit Naturnotwendigkeit.
Jawohl, das habe ich gekündet; ihr habt es gut behalten. Und nun, da ihr da seid, wo ich euch wollte, nochmals frage ich euch: warum lebet ihr? warum sterbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das Reich der Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, ihr fühlt euch nicht eins mit dem Streben der Knechte diesem Ziele entgegen, wie wagt ihr zu leben? Was? Ihr habt auch eure Marguérite und auch noch euren Genuß? Ihr Sklavenhalter, dann sollen sie euch auspeitschen, die auch genießen möchten und es nicht können. Oder glaubt ihr nicht, es sei dem Sklaven auch ein Genuß, seinen Herrn und Vorenthalter zu prügeln?
Ich will euch sagen, was mir das Recht giebt, so zu euch zu reden und so von der Höhe auf euch herabzusehen. Ich bin eine glitzernde Welle im Strom und tummle mich froh dem Meere entgegen; ihr aber seid nur ein unwillig mitgerissenes Stück faulenden Holzes, das sich nach dem sandigen Ufer sehnt, um da in der Sonne zu trocknen und zu verdorren. Ich liebe nicht nur mich selbst und mein Spielzeug – »Weib« heißt die glänzendste eurer Vergnügungen – ich rausche mit im grünenden Wald, und meine Genossin ist kein zart mich umrankender Epheu, der langsam aber sicher mit seiner Umkosung die stärkste Eiche ins Mark hinein verdirbt, ich und sie, Baum neben Baum, recken uns stolz in die Höhe und unsere Wipfel neigen sich bald zart, bald feierlich zu einander und flüstern und küssen und reden und träumen. Ich habe gelernt Mensch zu sein und die Menschheit wieder zu lieben; ich stehe mitten drin und mache mit – vorwärts geht es und immer vorwärts. Ich glaube ans Ziel, ich glaube an den Ernst und an die Schönheit, ich fühle mich eins mit den Knechten und fühle mich eins mit dem All! Ich lebe! Ich habe das Recht zu leben.
Das könne jeder sagen, schmunzelt ihr mir zu mit widerlicher Vertraulichkeit. Das sei eine Ausrede. Mir gehe es wie jenen Namenlosen, die auch den Armen an Leib und Geist das Himmelreich versprächen und selber mit dem Diesseits und dem irdischen Genuß sich vergnügten. Himmelreich oder Zukunft, das sei ein und dasselbe. Auch das habe ein gewisser Starkblom früher mit allen Glocken verkündet. Dem Genuß und der Freude entsagen gleich dem Elendesten müsse ich, wenn ich ehrlich sei, alles der Gesamtheit zu opfern sei meine Pflicht. Alles oder nichts – so heiße es hier.
Jawohl – viel Wahrheit steckt in eurem Hohne. Das ist es auch und das allein, was unser Lächeln verbittert und uns einhüllt in das graue beklemmende Gewand der Melancholie. Unser Leben ist widerspruchsvoll, jawohl, ein untrennbares Gemisch aus Festklammern an süßer Gegenwart und Hinaussehnen nach herrlicher Zukunft. Seit das Leben nichts anderes mehr ist als Erdenwandel und Welt der Sinne, giebt es keine ruhige Konsequenz mehr in unserm Dasein. Das ist und bleibt das erste und das vorderste und das tiefste: ich bin ich und ich lebe und will mein Glück! Hineingeflochten in das wirre Gewebe und Gestrebe unruhiger, qualvoller, drängender, stoßender Zeit hauen wir um uns, um unsern Platz zu erringen, wir können nicht anders. Ich bin ich! Jetzt lebe ich und niemals in Ewigkeit wieder. Ich habe meine Stätte und ich will sie behalten.
Ich aber kann so nur leben, wenn ich mich leidenschaftlich schäme, daß ich so leben muß. Ich stehe nur auf diesem Boden, wenn ich gleichzeitig rastlos daran arbeite, ihn zu erschüttern und abzugraben. Ich kann nur genießen, indem ich glaube, daß die Traube bald allen winkt. Ich kann nur andre für mich arbeiten lassen, indem ich mitarbeite aus all meiner Kraft für die kommende Zeit, wo es keine Herren und Knechte mehr giebt.
O wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit nicht versteht, dann gehet weg von mir und weg aus dieser Zeit und weg aus diesem Leben. Leicht ist es, die tausendfarbige, vieltönende Welt der Erscheinung mit flüchtigem rohem Drucke in eine Formel zu pressen. Leicht ist es, die Welt, wie sie heute ist, für ewig auszuschreien. Und leicht war es, ich gestehe es ein, diese Welt der Vernichtung preiszugeben und den Tod zu predigen allem was lebt. Jetzt aber predige ich Leben, Leben für heut und alle Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle ich mich eins mit allem was lebt. Solange ich da bin, sehe und denke ich als Mensch für die Menschen.