Mit diesem Wehruf gibt er nach. Was dann fieberhaft aus ihm redet, zu Aufidius, daß der’s doch einsehen müsse, daß es nun zu einem günstigen Frieden kommen werde, und alle Ausrufe der Erregung und Entzückung, das ist nicht er selbst. Einer in ihm kennt sein Geschick, ahnt gar den Weg schon, auf dem es kommen kann.

Es kommt durch Aufidius. Einmal, als der Mann sich dem Manne gestellt, zu Tod oder Blutbrüderschaft, war über den die große Überwältigung gekommen. Zu mehr, zu einer Wiederholung und Umkehrung ist er nicht imstande. Zudem war das Verhältnis nicht so geworden, wie er sich’s gedacht: neben dieser überragenden Natur, neben Cajus Marcius Coriolanus ist er für seine eignen Landsleute immer nur der Zweite gewesen, und die Eifersucht hat schon an ihm genagt. Was da gekommen ist, was diesen „Coriolan“, der nun alles wieder vergessen und Römer werden will, so ergreift, was geht’s ihn an? Zu ihm hat Rom nicht gesprochen; seine Mutter ist Volumnia nicht. Verschärft ist da, was in Jahren des Krieges zwischen ihnen war: Feindschaft auf Leben und Tod. Es ist kein Krieg; aber der Feind ist in seiner Gewalt.

Es fällt ihm leicht, gegen den „zwiefachen Verräter“ eine Verschwörung zustandezubringen. In dem aber, den sie so nennen, ist kein Funke böses Gewissen und kein Hader mit sich selbst. Seltsame Stille ist in ihm eingezogen. Nicht die unheimlich auf einen Punkt gespannte Gefaßtheit von ehedem; eine fast wohlige Entspannung scheint es zu sein. Wie süß ist es, zumal für diesen adligen Mann, in dem Unbändigkeit und Sachlichkeit so persönlich beisammen sind, sich überwinden zu lassen, sich gefangen zu geben; wie verwunderlich wieder, daß sich noch einmal alles umgekehrt hat und daß er, der Kriegsmann, jetzt die beiden Völker, denen er nun beiden angehört, zu einer dauernden, zu einer neuen Art Frieden bringen soll. Wie traumbefangen, wie einer, der leise auftritt, um das Schicksal und sich selbst nicht zu wecken, tut er alles, was die neue Pflicht ihm auferlegt. Die Zeit des Zorns scheint ganz für ihn vorbei; er geht vor, als könne noch alles sehr gut werden. Er verläßt die Volsker nicht; er denkt nicht daran, sich in Rom vor ihnen zu bergen; keineswegs verrät er sie im groben Sinne; er verhandelt mit den Römern als der Mann, der zur Vermittlung berufen ist, aber er geht davon aus, daß Rom wehrlos und daß er der Volskergeneral ist: was er den Volskern bringt, ist eine Demütigung Roms, freilich nicht die Vernichtung; es ist ein Vergleich, der Frieden für immer stiften soll. Er ist nicht mehr ein Kind seiner Zeit; er geht vor, als sehe er Möglichkeiten, an die sonst keiner glaubt; aber es sind nicht seine Gesichte, es ist ihm von sanftem, festem Zwang auferlegt worden wie in tiefe Schlafbetäubung hinein; er bewegt sich wie in seliger Zeitlosigkeit oder wie in ferner Zukunft wiedergeboren oder wie einer, der schon im Schatten des Todes steht. Es geht zu Ende mit ihm: sein Schicksal war entschieden, als er sich Roms Feinden verbündet und, ohne daß er’s wußte, sein Herz in Rom gelassen hatte. Damals hatte er sich Tullus Aufidius zum Tode gestellt; Aufidius und der Tod sind jetzt da.

Volumnia konnte als Retterin und Erlöserin Roms, als Mutter Coriolans, von Jubelrufen umbraust, in Rom einziehen; bald darauf wird Coriolan bei den Volskern, denen er den Friedensvertrag gebracht hat, von der Schar der Verschworenen, die Tullus Aufidius führt, ermordet. Er war ihnen zu gefährlich, war auch ihnen zu groß, stand unter ihnen erst recht als ein Fremder da. Er war aus Rom und damit aus der Welt gebannt; als einer, den die Welt gebraucht hätte, den die Welt nicht dulden konnte, liegt er nun tot zu Boden. Sowie er nicht mehr auf den Füßen steht, sowie sein Schritt ihnen nicht mehr in den Ohren weh tut und seine stolze Sprache, sowie sie in dem Leichnam, der da liegt, nur das Bildnis des Helden vor sich haben, dieses adligen, stolzen, wunderschönen Mannes, da erkennen sie, daß ein Großer gefallen, der Kleinheit dieser Welt zum Opfer gefallen ist. Unter den Klängen eines strahlenden Totenmarsches wird sein Leichnam aufgehoben und fortgetragen.

Diese Totenmusik, das Heldenleben, wie es Shakespeare gestaltet hat, ist wirklich zu Rhythmen und Melodien geworden in der Coriolan-Ouvertüre Beethovens, die freilich durch äußern Zufall zu irgend einem andern Drama Coriolan komponiert wurde, in Wahrheit aber ganz Geist vom Geiste Shakespeares ist, der in diesem Römerdrama — ich wiederhole die Worte — in die Seele der Geschichte hineingeleuchtet hat, indem er die Geschichte einer Seele gab.


König Zymbelin und Das Wintermärchen

Gewiß würde jedes der beiden Stücke, die ich hier zusammenstelle, eine besondere und eingehende Behandlung verdienen, das reichverzweigte und an seltsamen Schönheiten reiche Drama, dem König Zymbelin den Namen gegeben hat, und erst recht das tiefe und entzückende Wintermärchen; aber sie sollen gemeinsam behandelt werden, weil mir daran liegt, die Betrachtung fortzusetzen, die ich im Anschluß an Perikles und Timon begonnen habe. Zu einer solchen Zusammen- und Gegenüberstellung der beiden Stücke laden schon die Herausgeber der ersten Folioausgabe ein: sie haben Zymbelin an den Schluß der Tragödien und das Wintermärchen an den Schluß der Komödien gestellt; zu was für Betrachtungen kann dieses Verfahren schon an der Schwelle Veranlassung bieten! Denn die Stücke sind alle beide nicht einzuordnen; die Herausgeber betätigten aber in ihrer Reihenfolge auch diesmal einen feinen Sinn; Zymbelin ist eher eine Tragödie, das Wintermärchen eher eine Komödie zu nennen. Zymbelin aber ist aus zwei Stoffen zusammengesetzt, die der weniger seltsame frühere Shakespeare alle beide in der Komödie behandelt hätte: die Gegenüberstellung des verderbten Hoftreibens und des romantisch natürlichen Hausens in Wald und Höhle, wie sie so ähnlich in Wie es euch gefällt behandelt wurde; und andrerseits die Charakterkomödie von dem Ehemann, der mit der Wette über die Treue seiner Frau in mannigfachem Sinn sich selbst betrügt. Dagegen mutet die Haupthandlung des Wintermärchens ganz wie die Vorlage zu der großen Tragödie der Eifersucht an; und doch ist es wahr, daß der Dichter aus diesem düsteren, schneidenden Stoff das gemacht hat, was schon der Titel uns an Stimmung vermittelt: ein Wintermärchen, ein Spiel, das schwer lastende Umstände mit Heiterkeit überwindet.