will den Hochverräter Gloster, blind wie er ist, töten; Edgar der Sohn, in Gestalt eines Bauernlümmels, nimmt dem Herrenknecht vorher das Leben. Edmund der Bastard tötet Cordelia; ihn aber erschlägt in ritterlichem Kampf sein wundervoller Bruder Edgar, der Armut und Tapferkeit, Milde und Heldentum in sich vereint. Und zugleich stirbt das Schwesternpaar, das nach dem Bastard lechzt: Regan von Goneril vergiftet, Goneril von eigner Hand, am meisten aber von der schneidenden Verachtung ihres „milden Gemahls“, wie sie ihn genannt hatte, getötet. Der, Albanien, hatte sich in ruhiger Verachtung, in einer Haltung stiller Größe von ihr geschieden, die ihr bitterer sein mußte als irgendein Wutausbruch eines Brutalen; zu seiner Schwägerin gewandt hatte er in dem Augenblick, wie er den Bastard in Haft nahm, die Worte gesprochen:
Und Euren Anspruch auf ihn, schöne Schwester,
Muß ich bestreiten namens meiner Frau.
Sie ist mit diesem Herrn geheim verlobt,
Ich als Gemahl tu’ Einspruch Eurer Ehe.
Sucht Ihr ’nen Mann, schenkt Eure Liebe mir;
Mein Weib ist schon versagt.
Man hat es gewagt, Balzac einen Shakespeare zu nennen; das war weitaus zu viel gesagt; Gonerils und Regans im Kostüm seiner Zeit sind ihm trefflich gelungen; viel höher ist es nicht gegangen; aber an solcher Stelle Shakespeares wie dieser merkt man, woher der Irrtum gekommen sein mag: in Shakespeare dem Unerschöpflichen steckt auch, diese Worte Albaniens zeigen’s, der ganze Balzac, dazu aber noch, auch in schneidender Verachtung, eine Vornehmheit, die Balzac ewig unerreichbar blieb.
Sehen wir nun, daß uns die letzten blutigen Entscheidungen, in denen es um Leben und Tod geht, über das Verhältnis von Gut und Böse in dieser Welt keine Sicherheit geben, daß der Kampf unruhig hin und her wogt, so tun wir vielleicht gut, von den Taten, die keine Klarheit bringen, überzugehen zu den Worten, die sie begleiten. Wie steht es mit dem Zusammenhang von Menschenschicksal und Weltordnung? Welche Weltanschauung des Dichters hat im König Lear Gestalt angenommen? Sehen wir zu; leicht möglich, daß wir hier endgültige Aufklärung über Shakespeares Weltanschauung erhalten.
Lear hat sein Reich geteilt; Gloster hat von seinem Bastardsohn Edmund — dessen Bastardsohn Franz Moor heißt — mit Hilfe eines gefälschten Briefes erfahren, daß sein Sohn Edgar ein Ruchloser ist, der nach des Vaters Besitz und Herrschaft und Leben trachtet. In dieser innern Verfassung des Jammers über sein mißratenes Kind und über die Lösung aller Bande in der Familie des Königs spricht er die Anschauung aus: