Diese neulichen Verfinsterungen der Sonne und des Mondes bedeuten uns nichts Gutes. Mag sie die Naturweisheit so oder so deuten, immer findet sich die Natur selbst durch die darauf folgenden Wirkungen gepeinigt: Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich: in Städten Aufruhr, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; und das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen. Dieser mein Bube bestätigt die Wahrsagung: da ist Sohn gegen Vater; der König tritt aus dem Geleise der Natur: da ist Vater gegen Kind. — Wir haben gesehen, wie weit unsre Zeit es bringen kann: Ränke, Gleißnerei, Verrat, und alle verderblichen Zerrüttungen folgen uns quälend bis ans Grab!... Und der edle, biederherzige Kent verbannt — sein Verbrechen: Ehrlichkeit! — ’s ist seltsam!
Eine Beschreibung der Sphäre dieses Stückes, in der all die verschiedenen Handlungsteile darin sind, haben wir sicher mit diesen Worten; wenn aber darüber hinaus nicht nur Gloster in seiner bestimmten Situation, sondern der Dichter sich hier im allgemeinen über den Zusammenhang der Menschengreuel und der Zeichen der Natur äußern soll, so muß es uns stutzig machen, daß sich diese Weltanschauung des Dichters auf einer falschen Voraussetzung, die er eine seiner Gestalten machen läßt, aufbaut: Glosters echtes Kind Edgar, „dieser Bube“ bestätigt ja die Wahrsagung in der Tat nicht. So erstaunt es uns schon weniger, wenn der Bastard sofort darauf das Wort erhält und mit herzhafter Kraft die entgegengesetzte Auffassung äußert:
Das ist die ausbündige Narrheit dieser Welt, daß, wenn unser Glück bei schlechtem Befinden ist — oft, weil wir selber uns übernommen haben —, wir die Schuld für alles Unheil, das uns trifft, auf Sonne, Mond und Sterne schieben; als ob wir Schurken aus Notwendigkeit, Narren durch himmlische Fügung wären; Schelme, Diebe, Verräter durch Machtspruch der Sphären, Trunkenbolde, Lügner und Ehebrecher durch Abhängigkeit vom Einfluß der Planeten, und alles, worin wir übel daran sind, durch göttliches Verhängnis: eine prächtige Ausrede für den Hurenjäger von Menschen, seine Bocksnatur den Sternen zur Last zu legen!... Pah, ich wäre geworden, was ich bin, hätte auch der jungfräulichste Stern am Firmament meiner Bastardierung zugeblinzt!
So spricht der Empörer, der Morallose, der Frevler, der natürliche Sohn, der sich ganz als Kind der Natur betrachtet und nur nach seiner Kraft, nicht nach Gesetz und Sitte und Rücksicht auf andre fragt; „ich wachse, ich gedeihe“; das ist seine einzige Losung. Daß er also diese Worte spricht, die jedes Band zwischen Himmel und Erde zerreißen, entspricht seinem Charakter, seiner Situation genau so kraftvoll, wie das bedenkliche Wiegen des Kopfes, das Grübeln, das Suchen nach einem Zusammenhang, das Erschauern vor einer Ahnung, die Ergebung in die Ratschlüsse des Himmels zu seinem Vater paßt. Aber der Dichter? Was sagt er? Vielleicht — nichts? Wo ist er? Verschwindet er vielleicht hinter seinen Gestalten, in seinen Gestalten, aber nicht in einer einzigen oder einer Gruppe, sondern in allen? Ist er vielleicht darum mit Notwendigkeit der Dramatiker, weil er einer einzigen Anschauung nicht verschrieben sein kann?
Nach seiner Blendung weiß Gloster von dem Verhältnis des Himmels zu unsern irdischen Losen ganz anderes zu sagen als vorher; da hören wir die unerbittliche, unerforschliche Grausamkeit des Schicksals also gedeutet:
Was Fliegen losen Buben sind wir Göttern:
Sie töten uns zum Spaß.
Aber er ist sich seiner Sache jetzt nicht mehr sicher; auch er ist, wie Lear, erschüttert und zum Lernen gekommen: am Ende tragen die Menschen und ihre Einrichtungen größere Schuld als die Götter; vielleicht ist gerade das Unglück eine Art ausgleichende Gerechtigkeit? Wie er zum Freitod entschlossen oben auf der Klippe über Dover in hoher Luft zu stehen vermeint und einem armen, tollen Bettler — seinem Sohn! — schenkt, was er bei sich hat, Geld und Schmuck, da meint er:
... Mein Elend
Bringt dir Glück. Ganz recht so, ihr Himmelsmächte!