„Weil ich sie sehen würde,“ sagte er endlich halblaut.

Hauberrisser griff nach seinem Arm. „Ich beschwöre Sie, helfen Sie mir, wenn Sie können! Ich weiß, Ihr ganzes Leben ist ein Weg des Glaubens gewesen; vielleicht dringt Ihr Blick tiefer als der meine. Ein Unbeteiligter sieht oft — — —“

„Ich bin nicht so unbeteiligt, wie Sie glauben, Mynheer,“ unterbrach Swammerdam. „Ich habe das Fräulein nur einmal im Leben gesehen, aber, wenn ich sage, ich liebe sie so innig, als ob sie meine Tochter wäre, so ist es nicht zu viel gesagt;“ — er wehrte mit der Hand ab, — „danken Sie mir nicht, es ist da nichts zu danken. Es ist mehr als selbstverständlich, daß ich alles, was in meinen schwachen Kräften steht, tun werde, um ihr und Ihnen zu helfen, und wenn ich mein altes wertloses Blut darum vergießen müßte. — Hören Sie mir jetzt, bitte, ruhig zu: — Sie haben bestimmt recht gehabt mit Ihrer Ahnung, daß Fräulein Eva irgendein Unglück widerfahren ist. — Bei ihrer Tante ist sie nicht gewesen, ich hätte es von meiner Schwester, die soeben noch im Béginenstift war, erfahren. — Ob wir ihr heute noch beistehen können, — das heißt, sie auffinden, — bin ich außerstande zu sagen, aber jedenfalls werden wir kein Mittel unversucht lassen. — Trotzdem seien Sie, bitte, unbesorgt, auch wenn wir sie nicht finden sollten; ich weiß so bestimmt, wie ich hier stehe, daß ein — Anderer, gegen den wir beide ein Nichts sind, die Hand über ihr hält. Ich möchte nicht in Ausdrücken reden, die Ihnen ein Rätsel sein müssen, — vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich Ihnen sagen kann, was mich so fest überzeugt sein läßt, daß Fräulein Eva einen Rat, den ich ihr gab, befolgt hat. — — — — — — — — Wahrscheinlich ist das, was ihr heute geschehen ist, bereits die erste Wirkung davon.

Mein Freund Klinkherbogk hat einst einen ähnlichen Weg eingeschlagen, wie jetzt Fräulein Eva; ich habe längst tief innerlich das Ende vorausgesehen, wenn ich mich auch stets an die Hoffnung klammerte, es ließe sich vielleicht doch noch durch heiße Gebete abwenden. Die verflossene Nacht hat mir bewiesen, was ich immer schon wußte, — bloß war ich zu schwach, darnach zu handeln —: daß Gebete nur ein Mittel sind, um Kräfte, die in uns schlummern, gewaltsam zu erwecken. Zu glauben, daß Gebete den Willen eines Gottes zu ändern vermöchten, ist Torheit. — Die Menschen, die ihr Schicksal dem Geiste in sich überantwortet haben, stehen unter geistigem Gesetz. Sie sind mündig gesprochen von der Vormundschaft der Erde, über die sie dereinst Herren werden sollen. Was ihnen im Äußern noch zustößt, bekommt einen vorwärts treibenden Sinn: alles, was mit ihnen geschieht, geschieht so, daß es keinen Augenblick besser geschehen könnte.

Halten Sie daran fest, Mynheer, daß dies auch bei Fräulein Eva der Fall ist.

Das Schwere ist die Anrufung des Geistes, der unser Schicksal lenken soll; — nur wer reif ist, dessen Stimme hört Er, und der Ruf muß aus Liebe geschehen und um eines andern Menschen willen, sonst machen wir die Kräfte der Finsternis in uns lebendig.

Die Juden der Kabbala drücken es aus: „es gibt Wesen aus dem lichtlosen Reiche Ob — sie fangen die Gebete ab, die keine Flügel haben;“ — sie meinen damit nicht Dämonen außer uns, denn gegen solche sind wir durch die Mauer unseres Körpers geschützt, — sondern magische Gifte in uns, die, wachgerufen, unser Ich zerspalten.“

„Aber kann nicht Eva,“ fiel Hauberrisser erregt ein, „ebenso dem Verderben entgegen gegangen sein wie Ihr Freund Klinkherbogk?“

„Nein! Bitte lassen Sie mich zu Ende sprechen. — Ich hätte nie den Mut gehabt, ihr einen so gefährlichen Rat zu geben, wenn in jenem Augenblick nicht Der um mich gewesen wäre, von dem ich vorhin gesagt habe: wir beide sind gegen ihn wie ein Nichts. Ich habe in einem langen, langen Leben und durch unsägliches Leid gelernt, mit Ihm zu reden und Seine Stimme von den Einflüsterungen menschlicher Wünsche zu unterscheiden. — Die Gefahr war nur, daß Fräulein Eva in einem unrichtigen Moment die Anrufung hätte vornehmen können; dieser Moment der Gefahr — der einzigen — ist, Gott sei Dank, vorüber. Sie ist gehört worden“ — Swammerdam lächelte freudig — — „erst vor wenigen Stunden! — Vielleicht — ich will mich nicht damit brüsten, denn solche Vorgänge spielen sich bei mir in Augenblicken höchster Entrückung ab, — vielleicht war ich so glücklich, ihr bereits helfen zu können;“ — er ging zur Tür und öffnete sie für seinen Gast, „aber jetzt wollen wir das tun, was uns der nüchterne Verstand gebietet. Erst, wenn von unserer Seite alles geschehen ist, was in irdischer Macht liegt, haben wir ein Recht, die Hilfe geistiger Einflüsse zu erwarten. — — Gehen wir hinunter in die Schenke, geben Sie den Matrosen Geld, damit sie nach dem Fräulein suchen, und versprechen Sie dem, der sie findet und wohlbehalten bringt, einen Preis und Sie werden sehen, daß sie das Leben für sie in die Schanze schlagen, wenn es darauf ankommt. — Diese Menschen sind in Wirklichkeit weit besser als man glaubt; sie haben sich nur verirrt in die Urwälder ihrer Seelen und gleichen in ihrem Zustand reißenden Tieren. In jedem von ihnen steckt ein Stück Heroismus, der so manchen gesitteten Bürgern fehlt; er offenbart sich bloß in ihnen als Wildheit, weil sie nicht erkennen, was es für eine Kraft ist, die sie treibt. — Sie fürchten den Tod nicht und kein mutiger Mensch ist ein wahrhaft schlechter Mensch. Das sicherste Zeichen, daß jemand die Unsterblichkeit in sich trägt, ist, daß er den Tod verachtet.“ — —

Sie betraten die Spelunke.