Die Muskel des Armes griff nach dem Szepter der Herrschaft, die Ausscheidungen der menschlichen Denkdrüse sanken täglich tiefer im Kurs, und saß Gott Mammon auch noch auf dem Throne, so war seine Fratze doch recht unsicher geworden: — die Menge schmutziger Papierfetzen, die sich um ihn herum angehäuft hatte, verdroß seinen Schönheitssinn.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, bloß der Geist der Handlungsreisenden konnte nicht, wie früher, auf dem Wasser schweben.
So war es gekommen, daß sich die große Masse der europäischen Intelligenz auf Wanderschaft befand und von den Hafenstädten der vom Kriege mehr oder weniger verschont gebliebenen Länder nach Westen spähte, ähnlich dem Däumling, der auf hohe Bäume kletterte, um nach einem Herdfeuer in der Ferne auszuschauen.
In Amsterdam und Rotterdam waren die alten Hotels bis auf das letzte Zimmer besetzt, und täglich entstanden neue; ein Mischmasch von Sprachen schwirrte durch die besseren Straßen, und stündlich gingen Extrazüge nach dem Haag, gefüllt mit ab- und durchgebrannten Politikern und Politikerinnen aller Rassen, die beim Dauerfriedenskongreß ein immerwährendes Wort mit dreinreden wollten, wie man der endgültig entflohenen Kuh am sichersten die Stalltür verrammeln könnte.
In den feinern Speisehäusern und Kakaostuben saß man Kopf an Kopf und studierte überseeische Zeitungen, — die binnenländischen schwelgten noch immer in den Krämpfen vorgeschriebener Begeisterung über die herrschenden Zustände, — aber auch in ihnen stand nichts, was nicht auf den alten Weisheitssatz herausgekommen wäre: „ich weiß, daß ich nichts weiß, aber auch das weiß ich nicht sicher.“
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„Ist denn Baron Pfeill noch immer nicht hier? Ich warte jetzt schon eine volle Stunde,“ fuhr im Café „De vergulde Turk“, einem dunkeln, winkligen und verräucherten Lokal, das versteckt und abseits vom Verkehr in der Cruysgade lag, eine ältere Dame mit spitzen Gesichtszügen, zerkniffenen Lippen und fahrigen, farblosen Augen, — der Typus der gewissen entmannten Frauen mit dem ewig nassen Haar, die mit dem fünfundvierzigsten Jahre ihren galligen Rattlern anfangen ähnlich zu sehen und mit dem fünfzigsten bereits selber die geplagte Menschheit ankläffen — wutentbrannt auf den Kellner los: „’pörend. Pe. Wahrhaftig kein Vergnügen, in der Spelunke zu sitzen und sich als Dame von lauter Kerlen anglotzen zu lassen.“
„Herr Baron Pfeill? — Wie soll er denn aussehen? Ich kenne ihn nicht, Myfrouw,“ fragte der Kellner kühl.
„’türlich bartlos. Vierzig. Fünfundvierzig. Achtundvierzig. Weiß nicht. Hab’ seinen Taufschein nicht gesehen. Groß. Schlank. Scharfe Nase. Strohhut. Braun.“
„Der sitzt doch schon lange da draußen, Myfrouw“ — der Kellner deutete gelassen durch die offene Tür auf den kleinen, durch Efeugitter und berußte Oleanderstauden gebildeten Vorraum zwischen Straße und Kaffeehaus.