„Ich will Ihnen ein kleines Begebnis erzählen,“ fing Swammerdam wieder an, „das mir einst, so scheinbar unbedeutend es aussah, als Wegweiser im Leben gedient hat. — Ich war damals noch ziemlich jung und hatte eine bittere, grausame Enttäuschung erlitten, so daß mir die Erde lange dunkel und wie eine Hölle erschien. In dieser Stimmung und fast verbittert, daß das Schicksal wie ein erbarmungsloser Henker mit mir verfuhr und, wie ich glaubte, ohne Sinn und Zweck auf mich losschlug, begab es sich, daß ich eines Tages Zeuge wurde, wie man ein Pferd abrichtete.

Man hatte es an einen langen Riemen befestigt und trieb es, ohne ihm nur eine Sekunde Ruhe zu gönnen, im Kreise umher. — So oft es an eine Hürde kam, über die es springen sollte, brach es aus oder bockte. Hageldicht und stundenlang sausten die Peitschenhiebe auf seinen Rücken nieder, aber immer weigerte es sich zu springen. Dabei war der Mann, der es quälte, keineswegs ein roher Mensch und litt selber sichtlich unter der grausamen Arbeit, die er verrichten mußte. — Er hatte ein gutes, freundliches Gesicht und sagte mir, als ich ihm Vorstellungen machte: ‚ich würde ja gern dem Gaul für meinen ganzen Tagelohn Zucker kaufen, wenn er dann nur begriffe, was ich von ihm will. Ich hab dergleichen oft genug versucht, aber es hilft nichts. Es ist rein, als ob in so einem Tier der Teufel steckt, der ihm den Verstand verblendet. Und dabei ist’s doch so wenig, was es tun soll‘. — Ich sah die Todesangst in den wahnsinnigen Augen des Pferdes, wenn es an die Hürde kam, jedesmal von neuem aufleuchten, und las in ihnen die Furcht: ‚jetzt, jetzt wird die Peitsche auf mich niederfallen‘. — — Ich zerbrach mir den Kopf, ob es denn kein anderes Mittel gäbe, einen Weg der Verständigung mit dem armen Tier anzubahnen. Und wie ich vergeblich versuchte, ihm im Geiste und später in Worten zuzurufen, es solle springen, dann sei sofort alles vorüber, — und zu meinem Leide einsehen mußte, daß doch nur der grimmige Schmerz es war, der als Lehrer schließlich zum Ziele kam, da blitzte in mir die Erkenntnis auf, daß ich selber es auch nicht anders machte als das Pferd: das Schicksal hieb auf mich ein, und ich wußte nur, daß ich litt, — ich haßte die unsichtbare Macht, die mich folterte, aber, daß alles nur geschah, damit ich irgend etwas vollbringen sollte — vielleicht eine geistige Hürde überspringen, die vor mir lag, — das hatte ich bis dahin nicht begriffen.

Jenes kleine Erlebnis wurde von nun an ein Markstein auf meinem Weg: ich lernte die Unsichtbaren, die mich vorwärts peitschten, lieben, denn ich fühlte, sie gäben mir auch lieber ‚Zucker‘, wenn es auf diese Art ginge, mich über die niedrige Stufe sterblichen Menschentums in einen neuen Stand zu erheben. — —

Das Beispiel, das ich bekommen habe, hinkt natürlich,“ fuhr Swammerdam humoristisch fort, „denn es ist ja die Frage, ob das Pferd dadurch, daß es springen lernte, wirklich einen Fortschritt gemacht hat, und ob es nicht besser gewesen wäre, es in seiner Wildheit zu belassen. Doch das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. — Wichtig für mich war vor allem das eine: ich hatte bis dahin in dem Wahne gelebt, was mir an Leid geschähe, sei eine Strafe, und mich mit Grübeln zerquält, womit ich mir sie wohl verdient haben könnte, — dann mit einemmal kam für mich Sinn in die Härten des Schicksals, und wenn ich auch sehr oft nicht zu ergründen vermochte, was für eine Hürde ich überspringen sollte, so war ich doch von da an nach bestem Willen ein gelehriges Pferd.

Ich erlebte damals in einer Sekunde an mir den Satz der Bibel von der Vergebung der Sünden in der seltsam verborgenen Bedeutung, die ihm zugrunde liegt: — mit dem Begriff der Strafe fiel auch von selbst die Schuld weg und aus dem Zerrbild eines rächenden Gottes wurde im veredelten, von Form losgelösten Sinn eine wohltätige Kraft, die mich nur belehren wollte — so, wie der Mann das Pferd.

Oft, sehr oft habe ich Andern dieses unscheinbare Begebnis erzählt, aber es fiel fast nie auf fruchtbaren Boden. — Die Leute glaubten, wenn sie meinen Rat anwandten, immer leicht erraten zu können, was der unsichtbare ‚Dresseur‘ von ihnen verlangte, und hörten die Schläge des Schicksals dann nicht sogleich auf, so gerieten sie wieder in ihr altes Geleise und schleppen murrend oder — ‚ergeben‘, wenn sie zur Selbstbelügung der sogenannten Demut ihre Zuflucht nahmen — ihr Kreuz weiter. Ich sage: wer schon so weit ist, daß er nur zuweilen erraten kann, was die drüben, — oder besser: ‚Der große Innerliche‘ — von ihm will, das er tue, der hat schon mehr als die Hälfte der Arbeit hinter sich. Das Erratenwollen bedeutet allein schon eine vollkommene Umwälzung der Lebensauffassung; das Erratenkönnen ist bereits die Frucht dieser Saat. —

Es ist ein schweres Ding, dieses Erratenlernen, was wir tun sollen!

Im Anfang, wenn wir die ersten Versuche wagen, ist es wie ein unvernünftiges Tappen, und wir begehen da zuweilen Handlungen, die denen eines Verrückten gleichen und lange keinen Zusammenhang zu haben scheinen. Erst nach und nach bildet sich aus dem Chaos ein Gesicht, aus dessen Mienen wir den Willen des Schicksals lesen lernen können; im Beginn schneidet es Grimassen.

Aber es ist mit allen großen Dingen so; — jede neue Erfindung, jeder neue Gedanke, der in die Welt hereinfällt, hat im Entstehen etwas Fratzenhaftes. Das erste Modell einer Flugmaschine war auch lange Zeit eine drachenähnliche Grimasse, bevor ein wirkliches Gesicht daraus wurde.“

„Sie wollten mir sagen, was Sie glauben, das ich tun solle,“ bat Hauberrisser fast schüchtern. Er erriet, daß der alte Mann nur deshalb so weit abschweifte und vorbereitete, weil er fürchtete, sein Rat, dem er offenbar den größten Wert beimaß, könne, wenn zu schnell vorgebracht, nicht entsprechend gewürdigt werden und verloren gehen.