„Gewiß will ich das, Mynheer; ich mußte nur zuerst das Fundament legen, damit es Ihnen weniger befremdlich vorkomme, wenn ich Ihnen etwas zu tun empfehle, was wie ein Abbrechen und nicht wie ein Fortführen dessen, wozu es Sie jetzt treibt, aussieht. — Ich weiß, — und es ist sehr begreiflich und menschlich, — daß Sie augenblicklich nur der Wunsch erfüllt, Eva zu suchen; aber dennoch ist das, was Sie tun sollen: diejenige magische Kraft zu suchen, die es für die Zukunft ausschließt, daß Ihrer Braut jemals wieder ein Unheil zustoßen kann; sonst möchte es vielleicht geschehen, daß Sie sie finden, um sie immer wieder zu verlieren. So, wie sich die Menschen auf der Erde finden, um vom Tod auseinander gerissen zu werden.
Sie müssen sie finden, nicht wie man einen verlorenen Gegenstand findet, sondern auf eine neue doppelte Art. — Sie haben mir auf dem Weg hierher selbst gesagt, Ihr Leben sei nach und nach wie ein Strom geworden, der sich im Sande zu verlieren droht. Jeder Mensch kommt einmal zu diesem Punkt, wenn auch nicht in einem einzigen Dasein. Ich kenne das. — Es ist wie ein Sterben, das nur das Innere betrifft und den Körper verschont. Aber gerade dieser Moment ist der kostbarste und kann zum Sieg über den Tod führen. — Der Geist der Erde fühlt gar wohl, daß ihm in diesem Augenblick die Gefahr droht, vom Menschen überwunden zu werden, und deshalb stellt er uns gerade da die tückischsten Fallen. — Fragen Sie sich einmal selbst: was würde geschehen, wenn Sie in diesem Moment Eva fänden? — Wenn Sie Kraft genug haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, müssen Sie sich sagen: der Strom Ihres Lebens und des Lebens Ihrer Braut würde wohl ein Stück weiter rinnen, dann aber im Sande des Alltags unrettbar versiegen. Erzählten Sie mir nicht, daß Eva sich vor der Ehe fürchte? — Gerade, weil das Schicksal sie davor bewahren will, hat es Sie beide so rasch zusammengeführt und gleich darauf wieder auseinander gerissen. — Zu jeder andern Zeit als der jetzigen, in der fast die gesamte Menschheit vor einer ungeheuern Leere steht, könnte es vielleicht sein, daß das, was Ihnen geschehen ist, nur eine Grimasse des Lebens wäre, — heute scheint es mir ausgeschlossen.
Ich kann nicht wissen, was in der Rolle steht, die Ihnen auf so seltsame Weise zugekommen ist, — trotzdem rate ich Ihnen heiß und dringend, lassen Sie alles Äußere seiner Wege treiben und suchen Sie in den Lehren, die jener Unbekannte niedergelegt hat, das, was Ihnen nottut. Alles übrige wird sich von selber einstellen. — Auch wenn es wider Erwarten nur eine irreführende Fratze wäre, die Ihnen daraus entgegen grinst, und wenn diese Lehren an sich noch falsch sein sollten, so würden Sie dennoch das für Sie Richtige in ihnen finden.
Wer richtig sucht, der kann nicht angelogen werden. Es gibt keine Lüge, in der nicht die Wahrheit stäke: es muß nur der Punkt der richtige sein, auf dem der Suchende steht,“ — Swammerdam drückte Hauberrisser rasch die Hand zum Abschied — „und eben heute stehen Sie auf dem richtigen Punkte: Sie können ohne Gefahr nach den furchtbaren Kräften greifen, die sonst unrettbar den Wahnsinn bringen, — denn Sie tun es jetzt um der Liebe willen.“
Zehntes Kapitel
Sephardi’s erster Weg am Morgen nach dem Besuch in Hilversum war zu dem Gerichtspsychiater Dr. Debrouwer gewesen, um Näheres über den Fall Lazarus Eidotter zu erfahren.
Daß der alte Jude der Mörder nicht sein konnte, stand für ihn zu fest, als daß er es nicht für seine Pflicht gehalten hätte, als Glaubensgenossen ein Wort für ihn einzulegen, zumal Dr. Debrouwer als ein selbst unter Irrenärzten ungewöhnlich talentloser und vorschneller Beobachter galt.
Obwohl Sephardi Eidotter nur einmal im Leben gesehen hatte, war dennoch seine Teilnahme an ihm sehr rege. —
Schon der Umstand, daß er als russischer Jude einem geistigen Kreis ausgesprochen christlicher Mystiker angehörte, ließ vermuten, daß er ein kabbalistischer Chassid sein mußte, — und alles, was diese sonderbare jüdische Sekte betraf, nahm Sephardis Interesse in hohem Grade in Anspruch.
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